Angstseuche

Über den Umgang der globalisierten Gesellschaft mit dem Covid-19

Wie eine Wirklichkeit gewordene Dystopie. Eine Gesellschaft in Schockstarre. Kollektivneurose. Hysterisierung. Angstpandemie. Eine Art Anxiokratie ‒ Herrschaft der Angst, aber auch Herrschaft durch Verängstigung.

Noch funktionieren die lebenswichtigen gesellschaftlichen Organe, doch es ist als ob kein richtiges Blut mehr durch die Adern fließen würde. Leichenblass und zitternd – so präsentiert sich die westliche Gesellschaft. Eine Ahnung von Unheil, von Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, ein Anflug von Endzeitstimmung. Die Gesellschaft zurückgefahren auf die vitalen Mindestfunktionen, fast in eine Art künstliches Koma versetzt. Die psychische Kontamination scheint virulenter als die physische : ein Land steckt das andere an, möchte es an autoritärer Beflissenheit übertreffen. Die Covid-19-Krise trifft eine ohnehin von mannigfaltigen Ängsten gebeutelte Gesellschaft : Angst vor einer globalen Finanzkrise, vor Terroristen, vor Flüchtlingen, vor der Kernenergie, vor dem Klimakollaps, vor dem Verlust des Wohlstands, der Werte, der Traditionen, der Identität – und jetzt eben vor einer globalen Viruserkrankung.
Exponentielles Wachstum der Furcht, die sich schneller verbreitet als das Virus.
 »Angst essen Seele auf« , hieß es bei Fassbinder. Doch die Bangnis isst vor allem die Vernunft auf. Der Mensch im 21. Jahrhundert, auch der aufgeklärte, sich rational gebende wird von dunklen Ängsten geplagt. Angst mag sich manchmal als Lebensretter erweisen, doch zumeist ist sie ein schlechter Ratgeber.

Die Kosten falscher Prioritäten

Eine Gesellschaft wie die westeuropäische, die seit vielen Jahrzehnten keine mörderischen Kriege und seit noch viel längerer Zeit keine allesvernichtenden Epidemien wie es einst Pest, Cholera und Lepra waren, erlebt hat, weder gewaltige Hungersnöte noch Naturkatastrophen vom Ausmaß des Erdbebens von Lissabon, in der die Kindersterblichkeit immer weiter zurückging und die Lebenserwartung anstieg, scheint psychisch nicht gewappnet für eine vergleichsweise geringe Herausforderung.

Erschreckend ist die Unfähigkeit der doch in so vielen Bereichen hochentwickelten Gesellschaft, rational mit einer Epidemie umzugehen, deren Gefährlichkeit sachlich einzuschätzen und kühlen Kopf zu bewahren. Man mag sich nicht vorstellen, wie diese Gesellschaft im Falle einer ungleich gefährlicheren, einer wirklich verheerenden, etwa Ebola-ähnlichen Epidemie reagieren würde. Die Krise macht vor allen Dingen deutlich, dass das Gesundheitssystem in allen Ländern bei der geringsten zusätzlichen Beanspruchung total überfordert ist, weil man versäumt hat, Extrakapazitäten für Notzeiten zu schaffen.

Es erweist sich aber auch, was am besten funktioniert in der jetzigen westlichen Gesellschaft : nicht das Gesundheitswesen, nicht das Versorgungssystem, nicht die zivile Verwaltung, sondern der Repressionsapparat. Hier tritt sogar eine erstaunliche Leistungs- und Durchschlagsfähigkeit zutage in Ländern, die sonst eher durch Laschheit und Unvermögen bei der Organisation des Alltags auffallen. Prohibieren, quadrillieren, regimentieren, konfinieren. Ärzte und Krankenschwestern sind knapp, Polizisten hingegen gibt es zuhauf. So erkennt man, wo die (post)modernen wie natürlich auch die vormodernen Gesellschaften ihre wahre Stärke haben, nämlich im Abbau von Freiheiten, die vielen Obrigkeitsgesinnten ohnehin seit langem ein Dorn im Auge sind.

Natürlich mag es auch einigen Unverstand, manche Unreife auf Seiten der Bürger geben. Jedenfalls lassen die verängstigten, eingeschüchterten Menschen sich fast alles gefallen – im Namen der Volksgesundheit und der Sicherheit.
Es besteht die Gefahr, dass die ohnehin prekären Grundfreiheiten wie die der Bewegung, der Versammlung oder sogar der Meinung ohne viel Federlesens dauerhaft verringert werden. Denn wie mühselig mag es sein, sie wiederzuerlangen gegen einen renitenten herrischen Staat. »Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los« , klagt Goethes »Zauberlehrling« .

All dies zeigt, wie anfällig die sogenannte liberale Demokratie ist, wie ein paar Sandkörner das raffinierte Getriebe zum Erliegen bringen können. Die Pandemie legt die Schwächen der westlichen Gesellschaft schonungslos offen. Es ist eine verkehrte Welt. China, vor ein paar Jahrzehnten noch Entwicklungsland, schickt Ärzte und Medikamente ins stolze Italien, ins schöne Herz der verbleibenden westlichen Zivilisation, greift dem rat- und hilflosen Land unter die Arme. Es ist als ob ein Schwindel die Weltgeschichte erfassen wollte.

Die Europäische Union wirkt hilflos, wie gelähmt. Sie hat sicherlich einiges beigetragen zur Mehrung von Handel und Wohlstand und zur Bewegungsfreiheit von Kapital und Arbeit in einem größeren Wirtschaftsraum. Doch der Appell der Kommissionspräsidentin an das Gewissen der »Europäer« , ihr Aufruf zu mehr Solidarität wirkt fast schon verzweifelt, denn für diese Art von Solidarität gibt es weder eine strukturelle noch eine emotionale Basis. Es gilt vielmehr weiterhin das ungeschriebene Gesetz des nationalen »sacro egoismo« .

Die Gefahr dauerhafter immaterieller Schäden

Es könnte dauerhafte materielle Schäden der Covid-19-Krise geben. Die Krise mag aber auch, und vielleicht vor allem, längerfristige psychosoziale Schäden anrichten. Die Gesellschaft ist ohnehin von mangelndem Vertrauen in die Politik, in die Ökonomie, in die Institutionen, in die Werte gekennzeichnet. Die aktuelle Gesundheitskrise verstärkt noch einmal das Misstrauen : Jeder gilt als möglicher Krankheitsträger. So mag die Vereinzelung der Menschen weiter gefördert werden : sich zurückziehen in die eigenen vier Wände, soziale Kontakte auf ein Minimum beschränken, Distanz wahren. Resignation, Mutlosigkeit, Verzagtheit könnten zunehmen. Auch mag die Versuchung überhandnehmen, alle Verantwortung dem Staat zu überlassen, den Staat für sich denken, schalten und walten zu lassen, solange man selbst in einer keimfreien Blase leben kann.

Zu Anfang der Krise hatte man vielerorts, vor allem im Westen, das Vorgehen des chinesischen Staatsapparats gerügt und dieses barsche Handeln auf das »undemokratische« politische System Chinas geschoben. Doch bei ganz ähnlichem Vorgehen in den sogenannten westlichen Demokratien regt sich jetzt so gut wie keine Kritik. Vielmehr ergeht man sich in Ergebenheits- und Dankbarkeitsadressen. Dies zeigt wie gering die eingebauten Widerstandskräfte, wie schwach die Instrumente zur Verteidigung der »demokratischen Errungenschaften« sind.
Es gibt kaum »checks and balances« , keine ernsthaften Gegengewichte gegen die Staatsmacht, niemanden, der den Sinn der Maßnahmen prüft, unabhängig untersucht inwieweit sie mit den Regeln und Gewohnheiten einer liberalen Polis vereinbar sind. Es gibt keine Instanz der kühlen Vernunft, des gesunden Menschenverstandes. Wie schon der Umgang mit terroristischen Anschlägen gezeigt hat : Es ist erschreckend, wie schnell, fast lautlos, reibungslos die üblichen rechtsstaatlichen Regeln außer Kraft gesetzt werden können.

Die Anfälligkeit des globalisierten Turbo-Kapitalismus

Was die Pandemie auch offenlegt, ist die außerordentliche Anfälligkeit einer extrem finanzabhängigen Wirtschaft, ihr Mangel an Resilienz, mit Börsen, die statt die Rolle eines Seismographen und Thermostats zu spielen, sich als ihr hypertrophiertes und zugleich poröses Herz erweisen. Ein Wirtschafts- und Finanzsystem, das nach wie vor auf Sand gebaut ist, an dessen Prekarität sich auch nach 2008 kaum etwas Grundsätzliches geändert hat, wo schneller hoher Profit immer noch vor Solidität geht.

Die hektische Reaktion auf das Corona-Virus lässt sich auch zum Teil mit der Risiko­aversion der Gesellschaft erklären. Eine Gefahr auch nur leicht zu unterschätzen, so glauben die politischen Verantwortlichen, würde das Ende ihrer politischen Karriere bedeuten. Also lieber sicherheitshalber übertreiben.

Die materiellen Erwartungen sind in der heutigen Gesellschaft ins Unermessliche gestiegen, während man sich in einem warmen Kokon einrichtete, sich sogar weniger glücklichen »Mitmenschen« drinnen wie draußen annahm, dazu die großen Worte von Grund- und Menschenrechten im Munde führte. Gleichzeitig strebte man nach immer mehr Sicherheit und bemühte sich, das Erreichte mit allen Mitteln zu schützen.

Die Covid-19-Krise ist natürlich eine gute Gelegenheit, den Bürgern die Grenzen der Freizügigkeit aufzuzeigen, zu demonstrieren wie man durchgreifen kann, wenn sie nicht parieren, nicht den Ernst der Lage erkennen wollen. Wie eh und je herrscht der Leviathan, behält der absolutistisch gesinnte Thomas Hobbes die Oberhand gegen den liberal denkenden John Locke.

Armand Clesse

 »Der Zauberlehrling« von Johann Wolfgang von Goethe, Zeichnung von Ferdinand Barth (1882)

mercredi 25 mars 2020