Potential der Windenergie vor den Küsten:

Viel größer bei Zusammenarbeit aller

Seit dem Pariser Klima-Abkommen überschlägt sich die EU und im Gefolge ihre Mitgliedsstaaten mit Ankündigungspolitik zur »Dekarbonisierung«. Das ist ein tolles Wort, das gut klingen mag, aber reichlich fehl geht, denn die Menschheit wird nicht ohne C-Atom leben können. Allerdings macht es durchaus Sinn damit aufzuhören, Erdöl, Gas und Kohle zu verbrennen. Das nicht nur um weniger Treibhausgase auszustoßen, sondern ganz wesentlich im Interesse unserer Gesundheit, die durch Schadstoffe aller Art und Feinstaub stark gefährdet wird.

Es ist aber nicht damit getan, daß jeder Staat folgsam eine Zahl aufschreibt, die angibt, wieviel Windenergie bis wann wo erzeugt werden soll. Denn nicht umsonst sprechen Windparkbetreiber vom »Abernten« des Windes. Der wird nämlich hinter den Turbinen schwächer als er davor war. Es ist demnach unsinnig, hinter jeden Windpark einen weiteren zu setzen in der Hoffnung, dann doppelt so viel Strom zu erzeugen mit der Verdoppelung der Anlage. Das wäre zwar schön, wird aber nicht funktionieren.

Denn der Wind bläst nicht nur wenn er will, er muß auch nach einem Windpark wieder Kraft aufnehmen können durch herabsteigen Wind aus größeren Höhen, die nicht von den Turbinen »abgeerntet« wurden. Nationale Grenzen in der Nord- und Ostsee werden dabei schnell zum Problem. Gibt es da keine Koordination, riskieren sich die einzelnen Staaten mit ihren jeweiligen Windparks gegenseitig zu behindern. Für teure Investitionen gibt es dann verhältnismäßig wenig Energie.

Wobei nicht nur der Wind Kraft verliert hinter einem Windpark, auch die Wellen werden deutlich weniger. Das kann eventuell für die Küste positiv sein, und dann können Windparks daraufhin geplant werden. Es kann das aber auch zum Problem werden durch eine weniger starke Durchmischung des Wassers. Ganz besonders negativ wirkt sich das dort aus, wo an den Küsten eine größere Schadstoffmenge aus Flüssen oder Industriewerken ins Meer kommt, und das dann nicht mehr rasch stark verdünnt wird. Das könnte ohne gleichzeitige Reduzierung des Schadstoffeintrags folglich zu toten Zonen ohne Leben im Wasser führen und damit sichtbar machen, daß der real existierende Kapitalismus nicht nur ein Energieproblem hat.

Fakten schmerzen

Die BRD leistet sich mit »Agora Energiewende« eine Denkfabrik, die einerseits eng verzahnt ist mit der offiziellen Politik und den Umweltverbänden, deren Ergebnisse in den meisten Fällen aber beiden Seiten nicht gefallen, weil die Fakten meist dem Wunschdenken widersprechen.

Zum Wunschdenken gehört die Idee, mit mehr Windstrom sowohl den Kohle- als auch den Atomstrom verdrängen zu können. Tatsächlich führten starke Winterstürme im Februar und Januar in der BRD zu 20% mehr Windstrom im ersten Quartal 2020. Weil gleichzeitig der Photovoltaik-Strom um 10% zulegte kam Strom aus erneuerbaren Quellen auf 52% der deutschen Stromerzeugung. Allerdings entsteht da oftmals das Problem, daß der Windstrom nicht anfällt, wenn auch eine entsprechende Nachfrage besteht.

Das ließe sich mit dem Einfügen von Wasserstoffproduktion in der Elektrolyse immer dann, wenn überschüssiger Strom da ist, vernünftig regeln. Leider haben die Umweltverbände das nicht nur in Luxemburg nicht auf dem Radar und sie lassen sich nicht gerne von der Agora Energiewende darauf hinweisen, beschränken sie sich doch üblicherweise auf den Hinweis, Elektrolyse sei unwirtschaftlich, habe zu hohe Energieverluste, Wasserstoff sei überflüssig, denn die Batterie-Mobilität (t‘schuldigung, sie nennen das natürlich Elektro-Mobilität) werde sich durchsetzen. Vorgehalten zu bekommen, daß so kein stabiles Stromnetz aus erneuerbaren Quellen machbar ist, stört die bestehenden Träume zur Klimawende.

Daß die Unternehmerverbände, die von Vertretern der traditionellen Industrien gesteuert werden, mit Agora Energiewende keine Freude haben, weil deren Nachweis alternativer Möglichkeiten mit Wasserstoff die profitable Nutzung abgeschriebener Altanlagen zu beenden droht, versteht sich ebenfalls von selbst.
Die jetzt im März herausgebrachte Studie, gemeinsam mit der Technischen Universität Dänemark und dem Max-Planck-Institute for Biogeochemistry »Making the Most of Offshore Wind: Re-Evaluating the Potential of Offshore Wind in the German North Sea« stört mit ihren Schlußfolgerungen nun alle. Denn da kommt raus, daß bei Installierung von 13,8 GW sich die Verluste durch Windabschwächung hinter den ersten Turbinen noch in Grenzen halten, bei jenen 144,8 GW, die nötig sind fürs Erreichen der politisch verfügten Ziele für 2050 Verluste von 42-48% gegenüber einzelstehenden Turbinen anfielen.

So viel Verlust aber macht nicht nur den erzeugten Strom teurer, es wird auch das politisch verfügte Ziel unerreichbar. Das tut weh, sollte aber auch die Luxemburger Regierung aufhorchen lassen, die sich ja an Windparks in der Nordsee beteiligen will.
Es gibt allerdings einen Ausweg: Zusammenarbeit aller Anrainerstaaten, also nicht nur der EU-Mitglieder. Damit ließen sich die Windparks so verteilen, daß dazwischen Leerräume eine Regenerierung der Windkraft erlauben. So ließe sich nicht nur das von der EU zu Papier gebrachte Ziel bei Windstrom verwirklichen, sondern zusätzliche 500 GW installierte Leistung würde möglich, die sich nutzen ließe für die Wasserstoff-Erzeugung über Elektrolyse. Nicht nur fürs Klima, auch für die Volksgesundheit wäre das eine gute Nachricht.

jmj

Freitag 15. Mai 2020