Zum Leben zuwenig

Sozialpanorama der Salariatskammer zeigt: Ungleichheit hatte schon vor Corona Konjunktur. Armutsrisiko für Rentner verdoppelt

Von der durch die Coronapandemie ausgelö­sten Krise seien »die, die es sowieso schon schwer haben«, »am meisten betroffen«, konstatierte ihre Präsidentin Nora Back hinsichtlich der Ergebnisse des »Sozialpanorama 2020« der Salariatskammer, in das die Coronakrise natürlich noch nicht eingeflossen ist. Wie CSL-Direktor Sylvain Hoffmann betonte, ist der vom gleichnamigen italienischen Statistiker zur Darstellung einer ungleichen Einkommensverteilung in einer Volkswirtschaft entwickelte »Gini-Koeffizient« in Luxemburg seit Ende der 90er Jahre gestiegen. Nachdem er 2013 auf dem Ungleichheitsniveau der 15 alten EU-Staaten angekommen sei, befinde sich das Land in Sachen der Einkommensungleichheit seit 2016 jenseits des EU-Durchschnitts.

Daß die soziale Kluft immer breiter wird, zeigt auch das bei Statistikern nicht minder beliebte »Einkommensquintilverhältnis«. Dabei wird das Verhältnis des Gesamteinkommens der 20 Prozent der Einwohner mit den höch­sten Einkommen (»oberstes Quintil«) zum Gesamteinkommen der 20 Prozent mit den niedrigsten Einkommen (»unterstes Quintil«) betrachtet. In Luxemburg lag es zuletzt (2018) bereits bei 5,72. Das bedeutet, daß das »einkommensstärkste« Fünftel der Bevölkerung fast über ein sechsmal so hohes Einkommen verfügt wie das unterste Fünftel der nach Nettoeinkommen geschichteten Haushalte. Der Durchschnittswert für die Eurozone und der für Deutschland ermittelte Wert liegen »nur« bei 5,07, der für Frankreich bei schon deutlich gerechteren 4,23 und der für Belgien gar bei 3,78.
Letzteres bedeutet, daß das Fünftel der Belgier mit den höchsten Einkommen ein weniger als viermal so hohes Gesamteinkommen hat wie das unterste Fünftel.
Anders als in den Nachbarländern, wo der Mindestlohn 2018 jeweils ein Drittel über der Grenze zur Armutsgefährdung lag, befand sich der luxemburgische Mindestlohn im selben Jahr sogar um 0,7 Prozent unter der Armutsgefährdungsgrenze, die definitionsgemäß bei 60 Prozent des Medianlohns liegt. Das Armutsrisiko von Alleinerziehenden lag 2018 bereits bei 41,5 Prozent, das von Alleinstehenden, das im Jahr 2000 erst bei zehn Prozent lag, bereits bei 27,8 Prozent. Hierbei haben wir es also mit einer »Multiplikation um 2,7 in weniger als 20 Jahren« zu tun, heißt es auf Seite 29 der Publikation. Seit dem Jahr 2006 gehöre Luxemburg ununterbrochen zum Quartett der Länder mit der Einheitswährung Euro, in denen Alleinerziehende dem höchsten Armutsrisiko ausgesetzt sind.

Zwar auf vergleichsweise niedrigem Niveau, so hat sich das Armutsrisiko der luxemburgischen Rentner zwischen 2008 und 2018 auf 9,6 Prozent exakt verdoppelt. Auch die vor allem für Mieter explodierenden Wohnkosten erhöhen das Armutsrisiko.
Dazu heißt es auf Seite 33 des Sozialpanoramas, 2018 hätten fast zwei von fünf Haushalten (38,8 Prozent) Probleme gehabt, ihre Wohnkosten aufzubringen. Auch verglichen mit den anderen Ländern der Eurozone sei das Armutsrisiko für Mieter mit 35,3 Prozent in Luxemburg hoch.

Auch die offizielle Arbeitslosenquote ist in Luxemburg in den zwölf Monaten bis Ende September 2019 gestiegen (von 5,9 auf 6,1 Prozent), während sie in den Nachbarländern und im Durchschnitt der Euroländer gesunken ist. Schon länger gehöre Luxemburg nicht mehr zu jenen EU-Staaten, in denen die Arbeitslosigkeit niedrig ist, erklärte Hoffmann bei der Präsentation der Studie. Dabei müsse bedacht werden, daß wir es bei vielen Betroffenen längst mit »struktureller Arbeitslosigkeit« zu tun haben und »daß die Hälfte der Arbeitslosen nicht entschädigt wird, weil die Bedingungen nicht oder nicht mehr erfüllt werden«.

Weil Grenzgänger meist nicht berücksichtigt werden, liegt der Anteil der Zeitarbeiter unter den Schaffenden in Luxemburg noch immer unter zehn Prozent. Doch es werden immer mehr: Während die Zuwachsrate in der Eurozone bei 0,1 Prozent pro Jahr liegt, wächst der Anteil der Zeitarbeiter hierzulande fast um fünf Prozent pro Jahr.

oe

Sicher in die Altersarmut: Für Rentner in Luxemburg hat sich das Armutsrisiko in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt
(Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild)

Oliver Wagner : Freitag 15. Mai 2020