Die Interessen von Quandt und Thiele

Das viele Geld, das die deutsche Bundesregierung für deutsche Unternehmen ausgelobt hat, dient explizit der Vermeidung von deren Pleite. In den mei­sten Fällen sollen dabei Kredite bzw. Garantien für Kredite ausreichen. In dringenden und besonders prekären Fällen wird der Staat sich beteiligen. Erster spektakulärer Fall ist die Lufthansa. Der Vorstand des größten Luftfahrtunternehmens in Europa möchte zwar das Geld des Staates, aber er besteht darauf, daß der neue Großaktionär im Konzern nichts zu sagen hat: Also kein Sitz im Aufsichtsrat, sondern lieber nur eine sogenannte stille Beteiligung, kombiniert mit einem fetten Kredit der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Die Verhandlungen ziehen sich hin. Woher nimmt der Lufthansa-Vorstand die Frechheit, dem potentiellen Retter und Geldgeber die Konditionen diktieren zu wollen?

Schneller als die Bundesregierung war ein gewisser Heinz Hermann Thiele. Das ist ein Milliardär, dem die hübschen Unternehmen Knorr-Bremse, ein Autozulieferer, und die Vossloh AG, ein Unternehmen für Bahntechnik, gehören. Thiele, Jahrgang 1941, ist kein ganz junger Mann mehr und ein Vollunternehmer. Das erweist sich unter anderem daran, daß es ihm seit vielen Jahren gelingt, seine Arbeiter bei Knorr-Bremse außerhalb des lästigen IG-Metall-Tarifs länger als vorgesehen für ihn arbeiten zu lassen. Mit dem Börsengang von Knorr-Bremse anno 2018 ist es ihm geglückt, das im Unternehmen gebundene Kapital zu liquidem Geld zu machen, ohne die Kontrolle zu verlieren.

Das Geld hat er nun genutzt, um sich nach dem Absturz des Aktienmarktes und der Lufthansa-Aktie im besonderen bei dem früheren Staatsunternehmen billig einzukaufen. Am 19. März meldete die Lufthansa, daß sie einen neuen Großaktionär hat, der zudem mit zehn Prozent Anteil am Aktienkapital größter Aktionär ist. Es muß nicht besonders betont werden, daß Thiele mit dem Erwerb seiner Aktien über die Börse kein frisches Geld in die Lufthansa gesteckt hat. Mit dem Geld des Staates sein neues Investment zu stärken – die Rede ist von einer Summe von zehn Milliarden Euro –, zugleich aber den Einfluß des anderen Großaktionärs klein zu halten, ist sein unmittelbares Interesse.

Man sollte vielleicht auch wissen, daß Thiele kein isolierter Einzelgänger ist, sondern über ein vorwiegend in München konzentriertes Netzwerk eng mit der HQ Holding, dem HQ Trust und dem HQ Family Office verbunden ist. Diese von einem kleinen Stab im modernen Stil eines Private-Equity-Fonds (sprich: Heuschrecke) von Bad Homburg nahe Frankfurt und New York aus geführten Organisationen steht eine gewisse Heinz Hermann Thiele (Enkelin von Magda Goebbels, der Gattin von Hitlers Reichspropagandaminister) vor, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, das ererbte, vor allem in BMW-Aktien angelegte Vermögen des Harald Quandt (deswegen das dauernde HQ) effizient zu mehren.

Klar, daß Heinz Hermann Th. und Gabriele Q. die besseren Unternehmer sind als irgendwelche Staatsfunktionäre.

Lucas Zeise

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Montag 18. Mai 2020