Unser Leitartikel:
Nichts gelernt aus der Pandemie

In der Nacht zum Mittwoch endete in Luxemburg der nationale Notstand, doch Normalität kann es nicht geben, solange kein Mittel gegen CoVid-19 existiert. Zwar ist es Forschern rezent gelungen, in Dexamethason, das eigentlich bei Rheuma, Asthma und der Appetitlosigkeit Sterbender eingesetzt wird, ein möglicherweise lebensrettendes Mittel bei schweren Corona-Erkrankungen zu finden.

Das ist ein guter Schritt, doch bleibt die Gefahr, sich grundsätzlich zu infizieren und unter Umständen in noch nicht absehbarer Zeit an etwa neuralgischen oder organischen Folgeerscheinungen zu erkranken, weiter bestehen. Auch wenn viele Beschränkungen nun nicht mehr gelten, ist die neue Freiheit also trügerisch.

Gesundheitsministerin Lenert appellierte am Mittwoch an das Verantwortungsbewußtsein der Bevölkerung, sich an die weiter bestehenden hygienischen Regeln zu halten und den Kreis sozialer Kontakte nach Möglichkeit weiterhin überschaubar zu halten. Wenn man allerdings dieser Tage in den Straßen der Hauptstadt oder in Esch umsieht, bekommt man das Gefühl, die Pandemie sei vorbei. Passanten tummeln sich, ob »Kinnmaskenträger« oder ganz ohne, zuhauf in den Einkaufsstraßen.

Dabei kann es ganz schnell gehen, und die anstehenden Sommerferien werden genauso ins Wasser fallen, wie viele andere geplante Aktivitäten seit März. Dann nämlich, wenn die Zahl der Infektionen wieder steigt, und in einem kleinen Land wie Luxemburg, kann dadurch schnell der Grenzwert erreicht werden, um zum Risikogebiet zu werden.

Die Freigabe der deutschen Corona-Warn-App für einige EU-Länder, darunter Luxemburg, kann hilfreich sein für all jene, die sich häufig beim östlichen Nachbarn aufhalten und dort eventuell ihre Ferien verbringen. Sie ist ein freiwilliges Instrument, welches allerdings durchaus von Gastbetrieben als Bedingung gesehen werden könnte. Überlegungen mancher Wirte laufen in diese Richtung. Auch ein Phänomen dieser Tage ist es, das Ablehnen solcher Technik aufgrund einer diffusen Angst, ausspioniert zu werden, in sozialen Netzwerken wie Facebook kundzutun. Eine dezentral arbeitende App, wie die genannte Warn-App ist technisch nicht dazu in der Lage, Nutzerdaten zentral zu verarbeiten. Demgegenüber nutzen Facebook oder Google die Nutzerdaten flächendeckend profitorientiert.

Doch Corona offenbart nicht nur, daß viele Zeitgenossen im Bezug auf Viruserkrankungen oder Technik ein bescheidenes Allgemeinwissen an den Tag legen, der kleine unliebsame Freund deckt auch die Schwächen des kapitalistischen Gesellschaftssystems seit Anbeginn der Pandemie auf. Zuletzt die Zustände in der fleischverarbeitenden Industrie, namentlich Tönnies in Ostwestfalen. Hier sorgen Profitgier und Ausbeutung für neue massive Einschränkungen für die gesamte Bevölkerung der Region. Schulen und Kindergärten mußten wieder schließen. Die Behörden müssen nun die Drecksarbeit machen und ein bereits eingedämmtes Virus wieder einfangen, während der milliardenschwere Fleischbaron Tönnies, der zuletzt durch rassistische Entgleisungen bekannt gewordene Aufsichtsratsvorsitzende des »Malocherklubs« FC Schalke 04, vermutlich ungeschoren davon kommen wird und in sozialen Netzwerken Unterstützung erfährt.

Wenn es nicht so schlimm wäre, könnte man es fast für eine überzeichnete Komödie halten, die uns das Virus hier präsentiert, um zu zeigen, daß diese Gesellschaft sich ändern muß. Anstalten macht sie indes nicht: Tele-Arbeit wird zurückgefahren statt ausgebaut, der Fleischkonsum kennt keine fairen Preise und die Sozialtransfers für Künstler und Geringverdiener können nur neidisch auf Lufthansa oder BMW schauen.

Christoph Kühnemund

Donnerstag 25. Juni 2020