Krieg um einen Haufen Steine und Felsen?

Die Populisten in Washington und Delhi spielen mit dem Feuer

Bei einem Konflikt zwischen chinesischen und indischen Armeeangehörigen gab es Tote. Zum ersten Mal seit viereinhalb Jahrzehnten. Die indische Seite beklagt mindestens 20 getötete Soldaten. Zahlen über chinesische Verluste sind bislang nicht bekannt. In der Nacht vom 15. auf den 16. Juni attackierten sich die Kräfte im Galwan-Tal.

Das entlegene, unbewohnte Tal ist ein Brennpunkt der seit einiger Zeit verschärften Auseinandersetzungen zwischen den beiden Atomstaaten. Es liegt auf 4.000 Meter Höhe in der Region Ladakh und ist Teil ihrer 3.440 Kilometer langen, teilweise heftig umstrittenen Grenzlinie. Da eine endgültige Grenzvereinbarung nicht erzielt werden konnte, übernimmt die »Line of Actual Control« provisorisch die Funktion einer Grenze. Nun haben beide Staaten erhebliche Truppenkontingente in das Galwan-Tal verlegt.

Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig, die Auseinandersetzungen begonnen zu haben. Der zum Teil verbissen geführte Streit geht um den Bau von Straßen und anderen Infrastruktureinrichtungen. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum zwei Groß- und Atommächte sich wegen einer so unbedeutenden Angelegenheit an den Rand eines Krieges manövrieren sollten.

Das Grenzproblem und seine lange Geschichte ist ebenso kompliziert wie der Konflikt unnötig. Im Grunde genommen basiert die Auseinandersetzung, wie viele andere auf der Welt, auf dem unseligen Erbe der kolonialen und imperialen Vergangenheit, den strategischen Implikationen des »Großen Spiels« zwischen Britannien und Rußland um Zentralasien, den harten Umständen des nationalen Befreiungskampfs sowohl in Indien als auch in China und schließlich den Polarisierungen durch die strategischen Wendungen des Kalten Krieges.

Diese komplexe Geschichte ist hier leider nicht annähernd befriedigend darstellbar. Festzuhalten ist: Bis 1947 beziehungsweise 1949 waren beide Staaten nicht souverän. Welche der verschiedenen, nicht genau definierten Grenzskizzierungen sie von ihren ehemaligen Kolonialherren und Besatzungsmächten übernahmen und zu ihren eigenen erklärten, hing auch von den komplexen Widersprüchlichkeiten ab, in denen sich beide Mächte in den 50er und Anfang der 60er Jahre befanden.

Hatte es nach der chinesischen Revolution zunächst nach einem freundschaftlichen Verhältnis ausgesehen, das sich durch den gemeinsamen Auftritt des chinesischen Premierministers Zhou Enlai und dem indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru auf der Bandung-Konferenz in Djakarta 1955 zu bestätigen schien, so stellte der Konflikt um Tibet – die chinesische Volksbefreiungsarmee hatte die klerikal-feudale Herrschaft in Tibet beendet –, die Flucht des Dalai Lama nach Indien und die Errichtung seines separatistischen, gegen China gerichteten Hauptquartiers in Dharamshala eine schwere Belastung dieses Verhältnisses dar.

Die Zerstörung der chinesisch-indischen Allianz in den 50er Jahren kann als eine der großen Erfolge der CIA und ihres umfangreichen »Tibetan Program« angesehen werden. Gyalo Thondup, der Bruder des Dalai Lama, galt als »gute Kapitalanlage« der US-amerikanischen Agency. Der Geheimdienst trainierte und finanzierte die tibetischen Separatisten mit erheblichen Mitteln und verhalf den ehemaligen Feudalherren über die von ihm beeinflußten internationalen Medien zu einer Art Märtyrerstatus.

1967 erreichte das chinesisch-indische Zerwürfnis das Stadium eines militärischen Konfliktes, bei dem, soweit bekannt, einige hundert Militärangehörige starben. Aber seit 1975 herrschte weitgehend Ruhe, eine Art Modus vivendi.

In letzter Zeit verschlechtert sich das Verhältnis zwischen China und Indien allerdings deutlich. In Indien sind die Hindu-Nationalisten um Premier Narendra Modis an die Regierung gekommen. Modi hat deutlich Position gegen die chinesische Belt-and-Road-Initiative bezogen und sich zunehmend den USA, speziell der Trump-Regierung angenähert. Dieser strategische Schwenk, hin zum »Pazifischen Jahrhundert« und einer Annäherung an Indien, war von Seiten des US-amerikanischen Imperiums schon 2011 unter Präsident Barack Obama vollzogen worden. Trump hatte dann 2017, beim APEC-Gipfel in Vietnam, den »indo-pazifischen Raum« als Interessengebiet der USA abgegrenzt.

Im Zuge der Coronaviruspandemie war eine drastische Verschärfung des chinesisch-US-amerikanischen Verhältnisses eingetreten. Die USA-Regierung versucht, durch eine hemmungslose Anti-China-Rhetorik von ihrer desaströsen Krisenbilanz abzulenken und China verantwortlich zu machen. Gleichzeitig ist das Imperium in eine Art wirtschaftspolitischen und technologischen Endkampf um den Erhalt ihrer globalen Vorherrschaft eingestiegen, der einen weiteren Aufstieg der asiatischen Macht mit allen Mitteln verhindern soll.

Ganz offensichtlich sieht sich die Regierung Modi als eine Art Juniorpartner bei diesem Unternehmen. Modi steht ebenso wegen seines miserablen Krisenmanagements in der Kritik. Diese medizinische und ökonomische Doppelkrise bedeutet einen Generalangriff auf die Rechte und die ökonomischen Standards der indischen Arbeiterklasse. Da ist es günstig, einen äußeren Feind vorweisen zu können. Modi hielt eine beschwörend-dramatische Fernsehansprache, in der er versicherte, daß kein indischer Soldat »umsonst gestorben« sei. Die indische Boykottbewegung gegen chinesische Waren bekam gewissermaßen einen regierungsamtlichen Booster.

Allerdings sprechen die ökonomischen Realitäten eine andere Sprache. Indien ist zu einem hohen Maße vom wirtschaftlichen Austausch mit China abhängig und in die Kooperation mit den eurasischen Staaten eingebettet. Eine tatsächliche ökonomische Abkoppelung würde das ohnehin krisengeschüttelte Land vollends in die Katastrophe stürzen.

Modi versucht gleichzeitig auf zwei Stühlen zu sitzen. Das ist vor ihm schon anderen schlecht bekommen. Ein wenig Vernunft wäre das Schlechteste nicht.

Klaus Wagener

Der indische Premierminister Narendra Modi und der chinesische Präsident Xi Jinping am Rande des BRICS-Treffens 2017
(Foto: Kremlin.ru/CC BY 3.0)

Freitag 26. Juni 2020