Aktion statt Applaus

Beschäftigte im französischen Gesundheitssektor gehen für höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und eine Abkehr vom Gewinnprinzip auf die Straße

Ehren und auszeichnen will Emmanuel Macron all jene, die in dem von ihm »Krieg« genannten Einsatz zur Eindämmung des Coronavirus »an vorderster Front« gekämpft haben: die unzähligen, ungenannten Beschäftigten in den Krankenhäusern Frankreichs. Am 14. Juli, dem Nationalfeiertag des Landes, wenn die Trikolore über den Straßen und Plätzen des Landes weht, die Streitkräfte in der Hauptstadt Paris auf den Champs-Élysées paradieren, will der Staatschef ihnen eine Medaille geben.

Eine billige, symbolische Geste, die den Staat praktisch nichts kostet und dem Präsidenten Prestige bringen soll. Doch die Pflegerinnen und Pfleger in den Kliniken, die Ärztinnen und Ärzte sowie die Beschäftigten in den Altenheimen wollen sich nicht mit einem »Merci beaucoup« Macrons abspeisen lassen.

Die Corona-Pandemie hat das Gesundheitssystem in Frankreich binnen weniger Wochen ans Limit gebracht. Besonders getroffen waren der Großraum Paris und das Elsaß. Weil die Intensivbetten nicht reichten, wurden über 80-Jährige nicht mehr behandelt. Mehr als 29.600 Franzosen sind mittlerweile mit oder an Covid-19 gestorben. Während der Hochphase der Krise im März und April gab es allabendlichen Applaus, eine Einmalzahlung von 1.500 Euro und die Zusage auf »massive Investitionen« ins Gesundheitssystem. Auf Letztere pochen die dort Beschäftigten jetzt. Sie fordern deutliche Lohnerhöhungen von 300 bis 400 Euro und bessere Arbeitsbedingungen sowie eine Abkehr von der Gewinnorientierung im Gesundheitssystem. Sie wollen auch »ein Ende aller Schließungen von Einrichtungen und Betten«. Zu Zehntausenden sind sie in der vergangenen Woche dafür landesweit auf die Straßen gegangen.

Gewerkschaften und Kollektive des Gesundheitswesens hatten zu einem nationalen Aktionstag aufgerufen und eine enorme Resonanz erzielt. Laut Berichten des Nachrichtensenders »Franceinfo« gab es mehr als 250 politische Versammlungen. Die größte Demonstration mit mehreren zehntausend Teilnehmern fand in Paris vor dem Gesundheitsministerium in der Avenue de Ségur statt. Viele von ihnen kamen in ihrer weißen, hellgrünen oder blauen Arbeitskleidung. »Handeln tut Not«, hieß es auf Transparenten, oder: »Ihr zählt euer Geld, wir unsere Toten«. Und in Erinnerung an die letzten Worte des US-Amerikaners George Floyd, der bei einem Polizeieinsatz brutal erstickt worden ist: »Die Krankenhäuser ersticken – I can‘t breathe«.

Nach Provokationen und Sachbeschädigungen durch schwarz gekleidete und vermummte Personen gingen bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei brutal mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die Aktivisten des Gesundheitssektors vor. »Es waren Schläger, ultragewalttätige Kretins«, kritisierte Patrick Pelloux, der Präsident des Verbandes der Notärzte in den Krankenhäusern, auf »Franceinfo« den schwarzen Stoßtrupp, der die Zusammenstöße provoziert hatte. Die Bilder der Randale bestimmten über weite Strecken die abendliche Berichterstattung, obwohl sie die absolute Ausnahme waren, und rückten die landesweit erhobenen sozialen Forderungen in den Hintergrund.

In Bordeaux waren rund 4.500 Beschäftigte aus staatlichen Krankenhäusern und Privatkliniken für höhere Löhne auf die Straße gegangen. In Bayonne brachten die Gewerkschaften 1.500 Menschen vor die dortige Präfektur. In Saint Léon versammelten sich Dutzende Mitarbeiter privater Gesundheitseinrichtungen in Anlehnung an die Gelbwesten-Proteste am Kreisverkehr. Rund 500 Menschen marschierten durch Mont-de-Marsan, um ihr Krankenhaus zu verteidigen und mehr Mittel für die Zukunft zu fordern. Neben dem Pflegepersonal waren laut »Franceinfo« auch viele Bürger gekommen, um die medizinischen Kräfte zu unterstützen. In Périgueux und Crease hatten sich jeweils 250 Personen versammelt.

In Toulouse waren nach Angaben der Gewerkschaft CGT 20.000 Menschen auf den Straßen, die Präfektur sprach von 7.500. Das Motto der Protestierenden: »Weniger Versprechen, mehr Euro«. Auch in Marseille waren mehrere tausend auf den Beinen, in Avignon sollen es 3.500 gewesen sein, in Lyon 6.000.

Große Resonanz gab es auch in der Region Grand Est, die besonders hart von der Corona-Krise getroffen war. In Straßburg zogen tausende Beschäftigte des Gesundheitssektors vom Place Kléber zum Sitz der regionalen Gesundheitsbehörde. Eine Krankenpflegerin berichtete laut SWR von ihren Erfahrungen im Krankenhaus während der Corona-Pandemie: »Meine Kollegen und Kolleginnen in der Reanimation, in der Notfallaufnahme und in der Geriatrie waren für einen Moment traumatisiert wegen alldem, was sie erlebt haben. Ohne Material, ohne Masken, das war schrecklich.« In Mulhouse, einer der vom Coronavirus am stärksten betroffenen Städte, versammelten sich mehr als 2.000 Menschen auf der Place de la Réunion unter dem Motto »In Erinnerung an unsere Covid-Opfer – nie wieder!« Auch in Metz und Epinal fanden Kundgebungen statt, ebenso in Grenoble, Chambéry und Nantes mit mehreren tausend Teilnehmern. Das hielt die französische Nachrichtenagentur AFP nicht davon ab, den nationalen Aktionstag für das Gesundheitssystem auf insgesamt 10.000 Teilnehmer kleinzurechnen.

Rüdiger Göbel

Protest von Beschäftigten im französischen Gesundheitssektor am 16. Juni in Paris (Foto: EPA-EFE/YOAN VALAT)

Montag 29. Juni 2020