Auf Zeitreise mit Bob Dylan

Ein alter Mann erzählt Geschichten und Geschichte

Einhelliger Jubel herrscht in den Feuilletons über Bob Dylans Album »Rough and Rowdy Ways«. Verständlich ist das aus zwei Gründen. Zum einen: Diese Sammlung von zehn Songs ist wirklich etwas Besonderes. Zum anderen: die berufsmäßigen Auskenner können hier gar nicht anders. Bob Dylan ist längst ein Entrückter, und ihn zu loben heißt auch, sich selbst als Mitglied in den elitären Kreis der Eingeweihten zu befördern. (Der Autor begehrt dazuzugehören.)

Für wen hat Bob Dylan diese beiden CDs bespielt? Die Haltung des Sängers bei dem 17-Minuten-Song »Murder Most Foul« auf Disc 2 ist die eines alten Mannes, der am Ufer des Stroms der Zeit steht und aufzählt, was da schon alles an ihm vorbeitrieb. Der Aufhänger ist die Ermordung John F. Kennedys im November 1963. »Am Tag, an dem sie ihn getötet haben, sagte jemand zu mir: ‚Sohn, das Zeitalter des Antichrist hat begonnen‘.« Mit dem realen 35. USA-Präsidenten hat das wenig zu tun, der Mythos Kennedy, der Mythos des »guten Königs« lebt, auch als Gegenentwurf zum aktuellen Präsidenten.

Es folgt eine Assoziationskette, Realgeschichte und Pophistorie durchdringen sich, noch viel Älteres klingt an, Namen fallen, die kaum noch einer nennt. Und der Abgesang auf die Träume der 60er des vorigen Jahrhunderts: »Spiel ‚Die blutbefleckte Fahne‘. Spiel ‚Ein schändlicher Mord‘.« Ein Text wie in brüchigen Sandstein gemeißelt, mit den Jahrzehnten schwer lesbar geworden.

Wer wird sich so ein Trumm Lyrik auf Spotify herunterladen, um es beim Joggen oder in der Straßenbahn zu hören? Eine versgewordene Geschichtsstunde, voll von Verweisen auf andere Quellen? Das zielt nicht auf ein junges Publikum. Erreicht wird, wer sich bewegen läßt, seine eigene Geschichte zu reflektieren.

Verjüngung des eigenen Publikums strebt Bob Dylan nicht an. Das hat er zuletzt Mitte der Achtziger getan, nach seiner sehr anstrengenden religiösen Phase, als er sich mit Songs wie »Jokerman« Disco-tauglich zeigte. Das Alterswerk begann 1997 mit dem Album »Time out of Mind«. Seither gibt es auch musikalisch Geschichtsstunden, vertikal und quer durch die US-amerikanische Musiktradition. Das prägt die beiden CDs.

Der erste Track auf Disc 1 ist eine Selbstvorstellung: »I Contain Multitudes«. »Ich habe ein verräterisches Herz wie Mr. Poe … Ich male Landschaften, ich male Akte … In mir sind viele«. Selbstvorstellung ist auch »False Prophet«, ein klassischer Rumpelblues: »Ich bin der Feind des ungelebten sinnlosen Lebens / Ich bin kein falscher Prophet / Ich weiß das, was ich weiß. / Ich gehe da hin, wo nur die Einsamen hingehen können.«

Nach dem dritten Track folgt dann eine Überraschung: Ein Song, von Liebe überzuckert: »I‘ve made up my mind to give myself to you«, unterlegt mit der Melodie der »Barcarole« von Jacques Offenbach. Ein »Ich liebe euch doch alle« an seine Fans, die er oft nicht gut behandelt hat? Ein Kritiker vermutete dahinter den Johannistrieb des 79-Jährigen. Nun, jeder wie er‘s versteht.

Musikalisch minimalistisch dann der »Black Rider«, dem »Mother of Muses« folgt, darin die fast historisch-dialektische Erkenntnis, daß neben anderen Marschall Shukow und USA-General Patton – wohl stellvertretend genannt für Sowjetsoldaten und GIs – den Weg freigekämpft haben für Elvis Presley und Martin Luther King, indem sie taten, was sie taten.

Bei »Crossing the Rubicon« darf man nochmal mit dem rechten Fuß stampfen wie zu Zeiten eines John Lee Hooker, und der neunte und letzte Track »Key West« lädt zum Träumen ein über das, was möglich gewesen wäre, wäre man nicht auf der falschen Seite der Bahnlinie geboren … Verklungene Namen: Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Gregory Corso…

Ein Album zum Hinhören und Mitfühlen, das nicht nötig gewesen wäre, denn Bob Dylans Lebenswerk ist seit »Tempest« von 2012 rund, danach gab‘s bis jetzt nur noch Gecovertes. »Rough and Rowdy Ways« ist Zugabe, eine grandiose, und Verbeugung vor dem Publikum.

It‘s only poetry, but I like it.

Manfred Idler

(Foto: EPA/YONHAP)

Mittwoch 15. Juli 2020