Unser Leitartikel :
Auf Warnsignale achten

Seit einer Woche ruht der Schulbetrieb, am 31. Juli beginnt im Bausektor der Kollektivurlaub, in so manchen Betrieben laufen die Motoren nicht zuletzt wegen der Pandemie schon seit Wochen langsamer. Viele, die trotz Corona-Krise nicht auf ihren Urlaub verzichten wollen, sind dabei die letzten Reiseplanungen zu treffen oder sind bereits unterwegs, wie es Bilder der seit Tagen schon überfüllten Autobahnen Richtung Süden zeigen.

Es stehen also wieder jene Wochen an, die in der Vergangenheit des Öfteren vom Patronat dazu genutzt wurden, um die Beschäftigten mit Abbau und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen zu überrumpeln.

Besonders ältere Stahlarbeiter werden sich in dieser Hinsicht sicher noch an das mulmige Gefühl erinnern, das sie in den Jahren der Stahlkrise auf Urlaubsreisen immer wieder plagte. Die Frage, die sie damals wohl am meisten beschäftigte, war, wie viele Arbeitsplätze den Rotstiftspezialisten wohl diesmal zum Opfer fallen würden, ob ihnen nach dem Urlaub eventuell eine Versetzung auf einen anderen Posten, ja sogar vielleicht in die Antikrisendivision bevorstehen wird ?

Sorgen und Ängste, die jedoch während des Sommerurlaubs nicht nur die Stahlarbeiter beschäftigten. Auch in anderen Wirtschaftssektoren gab es immer wieder Firmen, die von der Abwesenheit des Personals profitierten, um Stellen abzubauen, Produktionsanlagen ins Ausland zu transferieren, Betriebe dicht zu machen.

Erinnert sei beispielsweise an Bauarbeiter, die nach dem Kollektivurlaub verschlossene Firmentüren vorfanden, an Gießer und Schmiede, deren Werkzeug über Nacht »verschwunden« war, an Handwerker, deren Arbeitsmaschinen während ihrer Abwesenheit abtransportiert worden waren, an Berufsfahrer, denen nach dem Sommerurlaub beim Betreten des Geländes mitgeteilt wurde, die Firma sei insolvent, und die LKW allesamt gepfändet.

Auch wurden den Schaffenden in den Sommermonaten vielfach schlechtere Arbeitsbedingungen aufgezwungen. Posten wurden abgebaut, Arbeitszeiten und Schichtpläne geändert, Pausen reduziert, Versetzungen auf minder bezahlte Posten beschlossen, Prämien beschnitten oder gestrichen. Maßnahmen, gegen die man sich im Nachhinein immer nur schwer entgegenstemmen konnte. Wohl eine der Hauptursachen, wieso Verschlechterungen so oft in den Monaten Juli bis Oktober umgesetzt wurden.

Besteht die Gefahr, dass den Schaffenden in den nächsten Wochen nun Ähnliches bevorstehen könnte ? Ausschließen kann man dies nicht, zumal den Gewerkschaften so manche Firmen bekannt sind, die sich in Schwierigkeiten wähnen. Auch besteht die Gefahr, dass das eine oder andere Unternehmen die Corona-Krise zum Vorwand nehmen könnte, um einen schon länger geplanten Abbau durchzuführen.

Deshalb müssen Arbeiter und Personalvertreter in den nächsten Wochen und Monaten auf jede Unregelmäßigkeit, auf jedes Warnsignal achten. Alle »Sensoren« müssen eingeschaltet bleiben, um nach dem Sommerurlaub nicht aussichtslos – weil zu spät und unvorbereitet – gegen böse Überraschungen ankämpfen zu müssen.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : mercredi 22 juillet 2020