Vereinigung »Solidarität mit Hörgeschädigten«

Den Bedürfnissen der Hörgeschädigten insgesamt besser Rechnung tragen

Zwei Jahre, nachdem die Deutsche Gebärdensprache in Luxemburg durch Gesetz anerkannt wurde, stellt die Vereinigung »Solidarität mit Hörgeschädigten«, Dachverband der Hörgeschädigtenorganisationen, in einer Stellungnahme fest, dass trotz aller Fortschritte, in der Praxis noch vieles getan werden muss.

Menschen, die hörgeschädigt sind oder nicht sprechen können, haben laut Gesetz das Recht, bei ihren Kontakten mit staatlichen Verwaltungen auf die Gebärdensprache zurückzugreifen und bekommen sogar, nach einem schriftlichen Antrag, kostenlos einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung gestellt.

Aber die allermeisten Menschen mit einer Hörschädigung können sich gar nicht in der Gebärdensprache ausdrücken. Daher fordert die Dachorganisation, dass den Bedürfnissen der Hörgeschädigten insgesamt besser Rechnung getragen wird und zum Beispiel ein Schriftdolmetscher zur Verfügung gestellt wird.

Positiv ist auch, dass jeder, der hörgeschädigt ist oder nicht sprechen kann und die Gebärdesprache benutzen will, das Recht hat, die Gebärdensprache während 100 Stunden kostenlos zu erlernen. Das gilt auch für deren Kinder, Eltern, Großeltern, Geschwister und Partner.

Gebärdesprache-Kurse öffentlich bekannt machen!

Die Kurse werden vom zuständigen Kompetenzzentrum organisiert, allerdings wurden die Kurse laut dem Dachverband bisher nicht öffentlich bekannt gegeben. Darüber informiert wurden lediglich die Eltern von hörgeschädigten Kindern, die im »Centre de Logopédie« zur Schule gehen.

Die Vereinigung »Solidarität mit Hörgeschädigten« pocht daher darauf, dass die Kurse öffentlich bekannt gemacht werden und – wie das im Gesetz festgelegt ist – allen hörgeschädigten Menschen, die in Gebärdensprache kommunizieren, und deren Angehörigen offen stehen.

Größere Probleme stellen sich für Schüler, die hörgeschädigt sind oder nicht sprechen können.

Sie haben laut Gesetz das Recht, in der Grund- und in der Sekundarschule die Gebärdesprache zu benutzen.

Mit der Umsetzung des Gesetzes im schulischen Bereich, das zum 23. September dieses Jahres in Kraft tritt, ist das Logopädiezentrum beauftragt. Das Zentrum hat ein Konzept entwickelt, das auf einem anerkannten bimodal-bilingualen Modell beruht und sicherstellt, dass die hörgeschädigten Kinder parallel lautsprachlich als auch gebärdensprachlich unterrichtet werden.

Das ist in einem vielsprachigen Land wie Luxemburg besonders schwer umzusetzen. Daher konzentriert sich das Kompetenzzentrum darauf, das Modell bis auf weiteres innerhalb der Sonderschule umzusetzen.

Die Vereinigung »Solidarität mit Hörgeschädigten« sieht darin einen Widerspruch zum neuen Gesetz, da die Eltern von schwer hörgeschädigten Kindern praktisch gezwungen werden, ihr Kind zur Sonderschule zu schicken.

Die Inklusion aller hörgeschädigten Kinder in Pilotregelschulen möglich machen

Die Verbreitung der Gebärdensprache und die damit verbundene gesellschaftliche Anerkennung der hörgeschädigten Menschen könne aber nur über den Weg der Regelschule erreicht werden, wo hörgeschädigte und nicht-hörgeschädigte Kinder gemeinsam bimodal-multilingualen Unterricht erleben, schreibt der Dachverband der Hörgeschädigtenorganisationen.

Regelschulen solch inklusive Modelle anzubieten, wäre ein echtes Bekenntnis zur Inklusion der hörgeschädigten Menschen, weshalb die Vereinigung »Solidarität mit Hörgeschädigten« die sofortige Ausarbeitung eines Konzeptes fordert, das die Inklusion aller hörgeschädigten Kinder in Pilotregelschulen möglich macht und ihnen die gleichen schulischen Entwicklungschancen – einschließlich des Zugangs zum Universitätsstudium – bietet, wie allen anderen Kindern auch.

A.R.

(Foto: dpa)

Ali Ruckert : Mittwoch 29. Juli 2020