Deutliche Kampfansage

Abbau von Arbeitsplätzen und Lohnraub in der Automobil- und Zulieferindustrie gehen Hand in Hand

Wöchentlich gibt es neue Horrorzahlen über Arbeitsplatzabbau, Sparprogramme und Angriffe auf tarifliche Standards in der Automobil- und Zuliefererindustrie. In jeder konjunkturellen Krise wiederholt sich dies. Mit Corona wird noch eine Spitze draufgesetzt und die Pandemie als Begründung mißbraucht. Die Kataloge werden nur scheibchenweise bekannt gemacht, um den Widerstand im Zaum zu halten. Die IG Metall geht davon aus, daß mindestens 300.000 Stellen in der Metall- und Elektroindustrie akut gefährdet sind. Nach wie vor sind fast 2 Millionen Kolleginnen und Kollegen, etwa 40 Prozent, in diesem Bereich in Kurzarbeit. Ihre Einkommensverluste betragen etwa 20 Prozent, in Bereichen ohne tarifliche Zuzahlung auch bis 40 Prozent. Als neuer Angriff wird jetzt in etlichen Betrieben die Arbeitszeit abgesenkt, allerdings ohne Lohnausgleich, so daß dies einer Lohnkürzung entspricht.

Bei Daimler sind die Ankündigungen zu vernichtender Jobs von 10.000 auf mittlerweile 30.000 geklettert, das sind 10 Prozent der weltweiten Belegschaft. Statt 1,4 Milliarden Euro sollen jetzt mindestens 2 bis 3 Milliarden Euro eingespart und aus den Kolleginnen und Kollegen herausgepreßt werden. Trotz »Zukunftssicherung 2030« schließt Personalvorstand Porth auch betriebliche Kündigungen nicht mehr aus. Es laufen Verhandlungen über Arbeitszeitverkürzungen ohne Lohnausgleich. Trotz der schlechten Wirtschaftslage kalkuliert Daimler in diesem Jahr mit einem Gewinn. Konkret rechnet Finanzchef Harald Wilhelm mit einem »niedrigen einstelligen Milliardenbetrag«. Dieser wird über das Sparprogramm aus den Knochen der Kolleginnen und Kollegen »erwirtschaftet«.

Nur eine Woche nach einer Protestaktion bei Bosch in Feuerbach, an der sich über 3.000 Kolleginnen und Kollegen beteiligten, hat der Gesamtbetriebsrat mit der Geschäftsleitung eine Vereinbarung beschlossen. In den Bereichen Entwicklung, Forschung, Vertrieb und Verwaltung an neun Standorten in der Region Stuttgart wird vom 1. August bis Ende des Jahres die Arbeitszeit für 35.000 Beschäftigte abgesenkt mit entsprechenden Lohnkürzungen. Wer über 35 Stunden arbeitet, verliert 10, wer 35 Stunden arbeitet, verliert 8,57 Prozent Entgelt. Eine Regelung für alle Beschäftigten im Inland für den größten Automobilzulieferer steht noch aus.
Auch der zweitgrößte Automobilzulieferer Continental verhandelt über Absenkung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Bis zu 20 Prozent sind im Gespräch. Ende Juni hatte Conti diese Debatte angestoßen, verbunden mit dem Thema Aufstockung des Entgelts durch die Bundesagentur für Arbeit.

Der drittgrößte deutsche Automobilzulieferer ZF toppt dies noch, trotz Aktionen Ende Juni an fast allen Standorten. Dort werden für 50.000 Beschäftige in Deutschland die Arbeitszeit und damit auch die Gehälter um 20 Prozent gekürzt. Außerdem müssen die Kolleginnen und Kollegen auf die tarifliche Sonderzahlung von 400 Euro verzichten. Für alle ZF-Beschäftigten in Kurzarbeit wird das Kurzarbeitergeld auf 90 Prozent aufgestockt. ZF hält aber trotz dieser Maßnahmen daran fest, daß bis 2025 insgesamt 15.000 Arbeitsplätze vernichtet werden. Dies entspricht rund 10 Prozent der Belegschaft. Noch werden betriebsbedingte Kündigungen bis 2022 ausgeschlossen. Für Standorte, die in den nächsten beiden Jahren wegen des Strukturwandels in der Automobilindustrie keine Perspektive »entwickeln«, wird eine Schließung ab 2023 nicht ausgeschlossen.

Die Erpressungen der Belegschaften werden weitergehen und sich auch noch verschärfen. Außer einzelnen Aktionen wie bei Bosch, ZF und anderen hat die IG Metall noch keinen breiten nachhaltigen Widerstand organisiert. In einer so tiefen Krise werden Menschenketten, Kundgebungen und ähnliches nicht ausreichen, um die Angriffe und Verzichtsprogramme abzuwehren, geschweige denn die Arbeitsplätze zu erhalten.

Es braucht eine breite Abwehrfront aller Beschäftigten über die Branchen hinweg, härtere Kampfmaßnahmen und den Schulterschluß zu anderen Sozialbewegungen, um die Abwälzung der Krisenlasten auf die Rücken der Kolleginnen und Kollegen zu verhindern. Für den Herbst hat die IG Metall Widerstand angekündigt. Den gilt es zu nutzen, um der Kapitalseite zu zeigen, daß auch unter Corona-Bedingungen gekämpft werden kann, aber auch, um aufzuzeigen, daß mit Co-Management, Mauscheleien und Verzicht die Arbeitsplätze und sozialen Rechte der Kolleginnen und Kollegen nicht verteidigt werden können.

Christa Hourani

Transparent der DKP auf der Demonstration des Stuttgarter Krisenbündnis am 18. Juli 2020
(Foto: Christa Hourani)

Donnerstag 30. Juli 2020