Die Pleiten kommen noch

Für den globalen Anstieg der Verschuldung lieferte das IIF am 16. Juli (einigermaßen) harte Zahlen. IIF steht für Institute of International Finance. Hinter dem akademisch klingenden Titel steht ein globaler Bankenverband mit 450 Mitgliedern aus 70 Ländern und Hauptsitz in Washington, D.C. Die bestens vernetzte Lobbyorganisation dürfte über gute Statistiken der internationalen Finanzbeziehungen verfügen. Die aktuellen Zahlen sind daher auch für Nichtbanker interessant.

Im ersten Quartal dieses Jahres ist danach die weltweite Verschuldung auf 258 Billionen Dollar gestiegen. Die Zahl repräsentiert die addierten Schulden der Unternehmen, des Finanzsektors und der Staaten und macht laut IIF 331 Prozent des Welt-Bruttoinlandsprodukts aus. Ende 2019 habe dieser Satz bei 320 Prozent gelegen. Wenig überraschend erwartet das IIF für das zweite Quartal einen weiteren deutlichen Anstieg der Verschuldung.

Schulden der Unternehmen und der Banken steigen gewöhnlich in der Hochkonjunktur. Die Unternehmen verschulden sich, um Investitionen durchzuführen. Sie verschulden sich auch, um die Rendite auf ihr Eigenkapital zu erhöhen. Der Finanzsektor folgt dieser Bewegung. Er gewährt die Kredite. Seine Gläubiger sind einerseits wiederum Banken und zu einem gewissen Grad Privathaushalte. Schwächelt die Konjunktur, planen die Unternehmen keine Investitionen mehr oder stoppen bereits begonnene Projekte. Sie fragen nicht nur keine neuen Kredite nach, sondern sind bemüht, ihre Schulden abzubauen.

Im Extremfall geht die Verschuldung der Unternehmen auch durch ihre Pleite zurück, gemäß dem Lehrsatz, daß eine Schuld entweder durch Zurückzahlung oder eben eine Pleite verschwindet. In der Konjunkturkrise geht jedenfalls im Regelfall die Verschuldung zunächst der Unternehmen und in deren Folge auch des Finanzsektors zurück. (In der Finanzkrise war die Reihenfolge andersherum: Damals fuhren die Banken schon seit Sommer 2007 ihre Verschuldung zurück, die Unternehmen folgten erst 2008.)

In der aktuellen Coronakrise ist von einem Rückgang der Verschuldung noch nichts zu spüren. Der Grund sind offensichtlich die Staaten. Ihre Verschuldung verhält sich im Konjunkturzyklus umgekehrt zur Unternehmensverschuldung. In der Hochkonjunktur kommen mehr Steuern (auf Umsätze, Löhne und Gewinne) herein, während die Staatsausgaben im Regelfall nur unterproportional zunehmen. Mit Beginn der Krise sinkt das Steueraufkommen, während die Sozialausgaben mit steigender Arbeitslosigkeit automatisch zunehmen.

In dieser Krise haben sie es den Unternehmen und Banken durch riesige Programme aus Krediten, Garantien und Zuschüsse ermöglicht, ihre Verschuldung gegen den üblichen Trend in einer beginnenden Wirtschaftskrise zu erhöhen. Das IIF berichtet im Verlauf des 2. Quartals von einem mit weitem Abstand höchsten, je in einem Vierteljahr erreichten Anleihevolumen von 12,5 Billionen Dollar.

Die Pleiten sind bisher, abgesehen von Unternehmen wie Wirecard, noch ausgeblieben. Aber sie kommen noch.

Lucas Zeise

Informationentafel der Börse Taipei am 24. Juli 2020.
(Foto: Sam Yeh/AFP)

Donnerstag 30. Juli 2020