Ein Blick zurück

Exkurs auf die »Schueberfouer« vergangener Tage

Im Zuge der aktuellen Pandemie, hervorgerufen durch den noch weiterhin grassierenden Corona-Virus SARS-CoV-2, trafen vor Monaten schon die Stadtdamen und -herren den weisen Entschluß, die diesjährige »Schueberfouer« platzen zu lassen. Es sollte nach offizieller Zählweise die 680. sein, zerplatzte aber regelrecht in 8 sogenannte Stadtviertel-Feste und einem Riesenrad auf der städtischen Königswiese. Grund genug, uns trotz alledem in aller Ruhe und Besonnenheit auf einen kleinen Exkurs auf die »Fouer« vergangener Tage einzulassen, ist diese doch reich an so manchen verkannten Geschichten und Anekdoten, welche immer wieder erzählenswert sind.

»Fouer« am laufenden Band

Während drei Jahrzehnten, von 1986 bis 2015, lief alljährlich zur »Fouerzäit« das legendäre »Fouertëlëfon«, welches sich im Laufe der Zeit zu einer weltweit einzigartigen allseits beliebten Institution am Rande der »Schueberfouer« entwickelte. In den Anfangsjahren 1986 bis 1990 lief das »Fouertëlëfon« als Sonderausgabe der luxemburgischen Infotelefone jeweils während der Fouerzeit, bevor es seit 1991 als eigenständiges »Fouertëlëfon« über das größte Volksfest in der Region informierte. Dies mit der damaligen Unterstützung der Stadt Luxemburg, der Schaustellerverbände und des Festkomitees. In den Jahren 1996 bis 2000 war es fester Bestandteil der »P&T Infotel«. Anschließend lief es als unabhängiges Medium bis ins Jahr 2015, in dem es nach 123 Ausgaben eingestellt wurde.

In den Jahren 1996 bis 2002 initiierten und gestalteten die »Fouer«-Telefonisten auch den ersten Webauftritt der »Fouer« im Internet. Die Homepage wurde 2003 von der Stadt Luxemburg übernommen. In dieser Periode wurde übrigens die »Fouer« live aus dem Übertragungs-Wagen mit Webcams vom Glacis übertragen, so daß man sich weltweit ein Bild über den Rummelplatz machen und wertvolle Informationen über die »Schueberfouer« einholen konnte.

Den Mitarbeitern gelang es immer wieder, sich auf eine gewisse Distanz zur weitgehend zunehmenden Kommerzialisierung des heute vielfach zu einem Einheitsbrei verkommenen Volksfestes zu halten. Im Mittelpunkt standen vielmehr Traditionen, Kulturelles, Technik, Anekdoten und Geschichtliches über den Jahrmarkt, von denen viele der Schobermesse in den verflossenen Jahrzehnten immer mehr abhanden kamen und vielfach auch immer mehr in Vergessenheit gerieten.

Horizontdistanz vom »Bellevue«

Das imposante transportable Riesenrad »Bellevue« der alteingesessenen deutschen Schaustellerfamilie Oscar Bruch jun. ist wohl seit Jahren schon das am meisten fotografierte Fahrgeschäft auf dem Schobermessplatz. Das Rad wurde im Jahr 1994 von der Firma Nauta Bussink hergestellt. Seine Größe sprengt so manche Dimensionen: 26 m Front, 21 m Tiefe, 55 m Höhe sowie 170 kW benötigter elektrischer Anschluß. Im Bewerbungskatalog heisst es:

»Es besticht durch seine romantisch nostalgische Aura und durch die Malereien und Dekore im Jugendstil. Mit den etwa 50.000 Brennstellen wird nicht nur das Riesenrad, sondern auch seine Umgebung ins rechte Licht gerückt. Die Besucher gleiten unabhängig von Wind und Wetter in 42 geschlossenen Gondeln zu 6 Personen pro Gondel durch die Lüfte und lassen ihre Blicke in Ruhe über den Kirmesplatz schweifen.«

Aber nicht nur den Rummelplatz hat man komplett im Blick, sondern auch eine hervorragende Aussicht über die Festungsstadt und darüber hinaus. So mancher Passagier hat sich dabei schon die Frage gestellt, wie weit man eigentlich vom Riesenrad sehen kann. Mathematiker unter uns errechnen schnell die Horizontdistanz im Idealfall aus 55 Meter Höhe, hinter der man nichts mehr sieht wegen der Erdkrümmung. Und stellten eine stark vereinfachte Faustformel auf. Der zufolge sieht man vom »Bellevue« aus 3,57 x √55 = 3,57 x 7,41619849 = 26,5 km weit, über flaches ebenes Gelände.

Von den Elbauen ins Petruss-Tal

Der ehemalige Graf von Luxemburg, Heinrich VII. erhielt ob seiner Verdienste in den Jahren 1295 und 1298 das kaiserliche Privileg, eine sechswöchige Messe innerhalb der Stadtmauern abzuhalten. Schließlich war es dessen Sohn Johann der Blinde, König von Böhmen und Graf von Luxemburg, der die »Schueberfouer« am 20. Oktober 1340 gründete, als er ein Dokument besiegelte, in dem er der Stadt Luxemburg das Privileg eines acht Tage andauernden Jahrmarktes, »Schueberfouer« genannt, anerkannte. Unter anderem legte er fest, dass die »Schueberfouer« jedes Jahr am Vorabend des Festes zu Ehren des Heiligen Bartholomäus beginnen und acht aufeinanderfolgende Tage andauern sollte. Dies erklärt, warum die Eröffnung der »Schueberfouer« um das Datum des 24. August (Sankt Bartholomäustag) herum stattfindet. Noch heute wird der Bartholomäustag mit zahlreichen Markttagen, Jahrmärkten, Volks­festen, Kirchweihen, Fest­umzügen und Wallfahrten weltweit begangen.

Kaum bekannt ist, daß die Chroniken den Hinweis enthalten, daß unser Graf Johann, als König von Böhmen seit 1310, schon am 1. September 1335 der böhmischen Stadt »Kallin an der Elbe« eine 14-tägige Handelsmesse zugestand, welche ebenfalls am Bartholomäustag an den Elbauen begann und damit fünf Jahre früher als am Petruss-Tal in Luxemburg.

Es handelt sich dabei um das heutige Kolín, eine tschechische Stadt in der mittelböhmischen Region, knapp 60 km östlich von Prag. Die Stadt liegt am linken Elbufer im Tafelland an der mittleren Elbe, sowie an einem wichtigen Eisenbahnknoten. Sie fand ihre erste Erwähnung im Jahre 1261 und prosperierte beträchtlich unter den »luxemburgischen« Königen Karl IV. und Wenzel IV. Kolín gehörte zu den bedeutendsten Königsstädten in Böhmen.

Interessant ist auch, daß der Marktplatz im historischen Stadtzentrum von der gut erhaltenen Kirche St. Bartholomäus aus dem 13. Jahrhundert überragt wird. Das einstige Privileg eines Jahrmarktes hat daselbst allerdings die Zeit, im Gegensatz zu Luxemburg, nicht überdauert.

»Mönnerlaai« auf der »Fouer«

Auf dem Rummelplatz geisterte vor Jahren noch so mancher umtriebige Witzbold herum, darunter der sogenannte geheimnisvolle »Schuebi«, dem wir diese schöne Geschichte zu verdanken haben. Laut Augenzeugen entwarf der Lausebengel während der Fouerzeit ein Weinetikett, druckte dieses aus und klebte es vor einem anstehenden Gelage mit Kumpanen kurzerhand in die Menükarte eines bekannten Restaurants auf dem Platz. Im Angebot: »Mönnerlaai«, Edition Schueberfouer, Grand Premier Cru. Bestellte auch gleich einen »Fouerfësch« und eine Flasche von dem Rebensaft. Die unwissende Bedienung war natürlich sichtlich verstört, nahm die Karte an sich, um sich beim Inhaberwirt des Etablissements zu erkundigen. Kurze Zeit später kam sie zurück und meinte, der Wirt habe gesagt, es sei schon kein »Mönnerlaai« mehr da. »Ohne ‚Mönnerlaai’ wollen wir aber auch keinen Fisch« meinte der »Schuebi« und zog unverrichteter Dinge mit seinem Gefolge von dannen.
Die Begebenheit fußt allerdings auf tiefgründigem Wissen, auf das der frühere Bürgermeister der Stadt Echternach, Gab Delleré, uns einst aufmerksam machte. Die »Mönnerlaai« gibt es wahrhaftig wirklich. Aus dem Inventar der Weinbergslagen des luxemburgischen Weinbaugebietes aus dem Jahrbuch 1929 der Weinbaustation in Remich geht hervor, daß sich das Gebiet seinerzeit bis nach Echternach erstreckte.

Dort wurden Reben angebaut in den Lagen »An der Aalft« sowie ebenfalls »An der Mönnerlaai«, in der Ortschaft Minden. Minden ist eine Ortsgemeinde auf deutscher Seit, an der Sauer gelegen, gegenüber von Steinheim, und die Weinberglage gehörte wohl früher zum luxemburgischen Weinbaugebiet. Das kleine beschauliche Minden ist ein staatlich anerkannter Erholungsort an der Mündung der Prim in die Sauer.

Von Minden aus führt ein markierter Wanderweg über die Felskante oberhalb des Sauertals nach Echternacherbrück und zurück. Dieser führt, ab der romanischen Kirche St. Silvester im Zentrum, vorbei am Standort eines alten Weltkriegsbunkers, durch die heute »Mindener Layen« genannten Kalksteinfelsen. Diese wurden seit alters her als Weinberge genutzt. Entlang des Hangs ragen die Layen, die Felsen, in die Höhe, und heute nutzen wilde Orchideen die für sie guten Bedingungen.

Und somit schaffte es die einstige Rebensaftlage bis auf das manchmal groteske und kuriose Inventar unserer »Schueberfouer«

Pierre Buchholz

26.500 Meter vom 55 Meter hohen Riesenrad «Bellevue»

Freitag 31. Juli 2020