Aus den Betrieben:

Durchhalten bis zum Umfallen?

Damit die Gewinne stimmen, verlangen Unternehmer ihren Beschäftigten eine maximale Einsatzbereitschaft ab, so dass ein jeder anzutreten hat, wann, wo und wie es der Betrieb von ihm verlangt. Über Mehrarbeit und Überstunden wird nicht lange diskutiert, sie werden den Beschäftigten ganz einfach aufgezwungen.
Wer nicht mithalten kann (oder will), hat vielfach mit Unannehmlichkeiten zu rechnen. Sicher ein hartes Los für Kollegen, die von Gesundheitsproblemen geplagt sind. Doch aufgrund von maximaler Flexibilisierung und zunehmender Deregulierung der Arbeitszeitregelung, die in so manchen Unternehmen die Grenze des Zumutbaren längst überschritten hat, haben auch »ältere« Mitarbeiter immer öfter Schwierigkeiten, den »Motor« ständig am Laufen zu halten.

In so manchen Betrieben, in denen Druck, Stress und Hetze praktisch zur Normalität geworden sind, haben es Mitarbeiter, die den erschwerten Anforderungen nicht oder nur mehr teilweise gewachsen sind, immer schwerer, sich zu behaupten. Fakt ist, dass die Zahl jener, die ihren Arbeitsplatz aus Gesundheitsgründen in Gefahr sehen, seit Jahren deutlich gestiegen. Folglich auch die Zahl jener, die es inzwischen vorziehen, sich zu quälen, statt offen über ihre Probleme zu klagen. Sie wollen nicht riskieren, als »untauglich« oder »überschüssig« abgestempelt zu werden. Eine Situation, die sich aufgrund der Corona-Krise zugespitzt haben dürfte.

Groß sind diese Ängste besonders in Betrieben, in denen häufige und/oder längere krankheitsbedingte Abwesenheiten bereits zu Entlassungen geführt haben. Erklärt wurden solche Kündigungen, die Fehlstunden hätten den Betrieb zu sehr gestört, es habe kein Verlass mehr auf eine regelmäßige Mitarbeit bestanden oder die längeren und wiederholten Abwesenheiten hätten dem Betrieb zu große organisatorische Probleme bereitet. In solchen Fällen darf den Betroffenen erst nach Ende des Krankenscheins oder nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist von 26 Wochen gekündigt werden.

Allerdings muss bei krankheitsbedingten Abwesenheiten auch immer daran erinnert werden, dass jeder Erwerbstätige, der innerhalb einer Karenzperiode von 24 Monaten auch nur einen Tag länger als 78 Wochen krankgeschrieben ist, den Anspruch auf Krankengeld verliert, was zur automatischen Auflösung des Arbeitsvertrags führt.

Wenn auch zu begrüßen ist, dass vor anderthalb Jahren besagte Karenzzeit durch eine Gesetzesform von 52 auf 78 Wochen erweitert wurde, so besteht dennoch weiter das Risiko, dass schon eine einfache Erkältung der Auslöser einer Kündigung sein könnte. Was nicht mehr der Fall gewesen wäre, wenn die Regierung im neuen Gesetzestext, so wie es KPL und Gewerkschaften gefordert hatten, die Obergrenze ganz gestrichen hätte – zumal ein jedes Jahr immer nur wenige solcher Härtefälle gezählt werden.

g.s.

Freitag 31. Juli 2020