Ein Blick zurück:

Exkurs auf die »Schueberfouer« vergangener Tage (2)

Fortsetzen wollen wir unseren kleinen Exkurs auf unsere »Schueberfouer« der vergangenen Tage mit zwei historischen Begebenheiten, welche vielen unter uns nicht bekannt sein dürften. Während in den vergangenen Jahren so manches unnützes Zeug aus den Vereinigten Staaten von Amerika nach Europa herüber schwappte, fand Anfang des vorigen Jahrhunderts die »Fouer« ihren Weg über den Atlantik nach Chicago, wo eine solche bis heute ebenfalls noch immer abgehalten wird.

Viel Aufsehen erregte vor nunmehr 90 Jahren ein umtriebiger »geadelter Russe« auf dem Rummelplatz, dessen unglaubliche Geschichte fast in Vergessenheit geraten ist, uns aber auch heute noch immer wieder fasziniert.

Mit der »Fouer« in die Neue Welt

Tatsächlich hat die luxemburgische »Schueberfouer« in den USA einen kleinen Ableger, daselbst »Schobermesse« genannt. Ihre Geschichte ist eine höchst eigenartige, beweist aber allemal, wie sehr sich die Luxemburger seit jeher mit ihrer »Schueberfouer« verbunden fühlen.

Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Luxemburger nach »Amerika« auswanderten, um Hunger und Elend im Ländchen hinter sich zu lassen, ließen sich viele unter ihnen im »Chicagoland« nahe dem heutigen Chicago nieder. Dort widmeten sie sich dem Getreide-, Obst- und Gemüseanbau, ehe sie sich der erfolgreichen Blumen- und Pflanzenzucht annahmen. Die Pflanzen gediehen prächtig und die Blümchen erblühten prachtvoll in großen gläsernen Gewächshäusern, was den Gärtnern den Spitznamen »glasspeople« – die Glasleute, einbrachte.

Wie so viele damaligen Immigranten hatten sich die Luxemburger in sogenannte Bruderbünde zusammengeschlossen, darunter den »Luxembourg Brotherhood of America«. Weit weg von der alten Heimat vermißten viele Auswanderer auch den Charme und die Exotik der »Schueberfouer« in Luxemburg. So kam es, daß unter dem Impuls des Auswanderers Peter Malget die Mitglieder der Sektion 3 des Bruderbundes beschlossen, eine eigene »Schobermesse« auszurichten.

Die erste »US-Schobermesse« fand im Jahre 1904 am ersten Sonntag des Monats September – »Kirmessonntag« in Luxemburg – auf einem Platz der »Ridge Avenue« statt. Bis 1937 erhielt sie einen festen jährlichen Platz im Veranstaltungskalender und wurde sogar in den Wirren des Ersten Weltkrieges und der Großen Depressionszeit veranstaltet.

Ab 1938 zog die »Schobermesse« dann nach Morton Grove zum »Muller’s Grove« um, ehe sie im Jahre 1954 in den »Luxembourg Gardens« einen permanenten Festplatz fand. Als die dazugehörigen Gebäude an einen Restaurantbesitzer 1967 verkauft wurden, wurde eine letzte »Schueberfouer« organisiert – und die Tradition mußte anschließend eingestellt werden. Erst im Jahre 2001 konnte sie wiederbelebt werden und seither findet wieder ununterbrochen die jährliche »Schobermesse« in Morton Grove statt.

Kleine Kirmes ohne Schießbuden

Die kleine Kirmes jenseits des Atlantik hatte seit jeher rein äußerlich wenig mit unserer »Fouer« gemeinsam. Sie war eher ein Erntedankfest, geprägt durch gemütliches Beisammensein und besonders eine Parade, welche im Chicagoland an besonderen Anlässen nicht fehlen durfte. Diese bestand aus einem Blumenkorso, welcher der Promotion der angepflanzten Gewächse diente. Der oft karnevaleske Umzug zog 8 Meilen durch die Stadt. Anschließend fand ein kleines Fest statt, das besonders bei Kindern sehr beliebt war. Unterhaltung, Kirmeskost, Spiele für Groß und Klein wurden angeboten und die schönsten Blumen- und Gemüsewagen wurden prämiert. Besonders beliebt war der sogenannte »hight striker«, der »Hau den Lukas«, bei dem reger Andrang herrschte.

Noch heute führt eine kleine Parade die Festlichkeiten an, und 2008 zog sogar eine Herde Hammel umher in Erinnerung an die »Schueberfouer« in Luxemburg.
Letztes Jahr fand in Morton Grove das »83. Schobermesse Festival« statt und dauerte von 12 Uhr mittags bis 17.30 Uhr. Eingeläutet wird die Kirmes alljährlich durch eine zelebrierte Messe im Freien, ehe der Grillstand brutzelt, das Bier aus Luxemburg schäumt und die Spiele einsetzen.

Dabei sucht man vergebens nach einer Schießbude. Denn 1981 errang Morton Grove internationale Aufmerksamkeit und gebührendes Ansehen, als es als erste Kommune der Vereinigten Staaten durch Verordnung das Tragen von Schußwaffen für jedermann verbot. Dieses Verbot gilt als »Title 6, Chapter 2, No 3« des sogenannten »Village Code« bis heute.

Dieses Jahr wurde der Ableger unserer »Schobermesse«, genauso wie in Luxemburg, wegen der Covid-19-Pandemie abgesagt. Beide dürften sich aber erwartungsvoll auf die neuen Auflagen im kommenden Jahr freuen.

Der Schwager Seiner Kaiserlichen Hoheit

Alexander Anatoljewitsch Zoubkoff war ein russischer Emigrant, Hochstapler und als kurzzeitiger Ehemann von Viktoria von Preußen ein Schwager des Deutschen Kaisers Wilhelm II. Er wurde im Jahr 1901 im Russischen Zarenreich geboren und verstarb am 27./28. Januar 1936 in Luxemburg. Alexei Zoubkoff gab sich als russischer Adliger aus, der angeblich in der Revolution alles verloren hatte, und heiratete im Jahr 1927 die 34 Jahre ältere Viktoria von Preußen, die Schwester des Kaisers Wilhelm II. Nachdem Zoubkoff einen erheblichen Teil des Vermögens seiner Frau verpraßt und durchgebracht hatte, zerbrach die Ehe gleich nach wenigen Monaten – und er floh nach Luxemburg.

Genauer gesagt nach Mertert, an Syr und Mosel, in dessen Parkschloss Hotel er zunächst Zuflucht fand und ein Leben als Grandseigneur führte bis zum Tode seiner von ihm geschiedenen Ehefrau, als die ihm zustehende Rente verlu­stig ging. Der Abenteurer und Lebemann zog um ins Wirtshaus »Zum Anker«, wo er kellnerte, Klavier spielte und den Gästen für 5 Franken sein Konterfei verkaufte. Den Aventurier verschlug es schließlich nach Luxemburg-Stadt, da diese ihm wohl einkommensträchtiger erschien. Er gab sich als Medizinstudent aus und arbeitete zeitweise als Ober in einem städtischen Restaurant, in dessen Schaufenster ein Schild prangte mit der Aufschrift: »Hier bedient Sie der Schwager des Kaisers«.
Die damalige »Schueberfouer« zog den schelmenhaften Paradiesvogel besonders an, und so schaustellerte der staatenlos gewordene Lebemann in den 1930er Jahren mit großem Erfolg. Er sang und musizierte, zauberte und war wohl auch in so manch »dubiose«Tätigkeit verwickelt. Er verkaufte weiterhin auf dem Rummelplatz gedruckte Karten mit seinem Bildnis und dem Vermerk: »Zoubkoff, Schwager des deutschen Kaisers«. Als der Kaiser davon Wind bekam, entsandte dieser einen Beauftragten nach Luxemburg, um dem »Kaiserschwager« den Restbestand an Karten für teures Geld abzukaufen.

500 Franken für 1.000 Meter

Schon im Jahr 1928 veröffentlichte Zoubkoff seine Memoiren, die ihm auch auf der »Fouer« und auf anderen Kirmessen landesweit als Vorlage dienten. Gegen entsprechendes Honorar erzählte er zahlenden Gästen aus seinem Abenteurerleben, wobei besonders die amourösen Pikanterien aus dem Liebesleben seiner früheren Gattin sehr begehrt waren. Nur für Erwachsene.

In jener Zeit wurde auch der luxemburgische Flugpionier Lou Hemmer auf den Russen aufmerksam. Er konnte ihn für einen sensationellen Fallschirmsprung auf einem Flugmeeting in Walferdingen gewinnen, gegen eine Gage von 500 Franken, versteht sich. Der Russe ohne Furcht und Tadel willigte gleich ein, trat am 15. August 1933 auf der Luftfahrtschau als Fallschirmspringer auf und war damit der erste Fallschirmspringer, der über unserem Land absprang. Ein epischer Sprung aus 1.000 Meter Höhe.

Auch später trat er immer wieder mit Lou Hemmer auf weiteren Flugschauen auf, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Gegen Ende seines kurzen Lebens verrichtete er sogar noch Kohlenträgerdienste im anrüchigen Bahnhofsviertel in Luxemburg.

Alexander Anatoljewitsch Zoubkoff verstarb mittellos mit 35 Jahren als »Vertreter« in Luxemburg. Seine Mutter brachte die Gebeine nach Mainz zur Einäscherung. Von dort ist Alexei, der erste Fallschirmspringer über Luxemburg und einstige umtriebige und exotische Schausteller von der »Fouer« nicht mehr zurückgekehrt.

Pierre Buchholz

»Schobermesse« anno dazumal in den USA: Prunkwagen mit Blümchen, Obst und Gemüse

Donnerstag 13. August 2020