Unser Leitartikel:
Kritiker von Aluhüten unterscheiden

Am Dienstag erklärte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), man habe aus heutiger Sicht im März keine Friseurläden und Nahrungsmittelgeschäfte schließen müssen. Er erntete dafür erwartungsgemäß Haß und Häme in den sozialen Netzwerken. Man muß Spahn nicht mögen. Seine neoliberale Gesundheitsagenda hat vor Corona schon zu Diskussionen geführt. Doch liegt in dieser Bekenntnis die Ehrlichkeit, die man von einem Söder oder Laschet vermißt. Letztere versuchen, sich, – einmal als Lockerungsmeister und einmal als nötige harte Hand, – vor dem Hintergrund der Krise zu profilieren.

Spahns Äußerung und die Reaktionen darauf offenbaren erneut die Krux der Pandemie-Maßnahmen: Hätte man im März nicht schnell gehandelt, wäre es vielleicht zu Szenen wie in Italien gekommen oder zumindest zu einer weitaus höheren Todesrate. Aufgrund der drastischen Maßnahmen im März, auch hierzulande, konnte wahrscheinlich Schlimmeres verhindert und das Infektionsgeschehen nachvollziehbar gemacht werden. In beiden Fällen ist den Experten und Gesundheitspolitikern der Unmut der »Querdenker« sicher. Diese »besorgten Bürger« wollen eindeutige Antworten auf ihre Zweifel und Ängste. Die gibt es aber nicht bei einem Virus, das in seiner neuen Art noch weitgehend unbekannt ist.

Deshalb suchen sich die »Querdenker« ihre Antworten im weltweiten Netz, das voll ist von unverifiziertem Verschwörungs-Schrott, der ihnen die Antworten zu geben scheint, die Virologen und Gesundheitspolitiker ihnen angeblich verheimlichen. Und sie sehen ihre kruden Ansichten als unumstößliche Fakten. Sie wollen keinen Dialog und nicht gehört werden, denn sie wollen, daß die Welt auf sie hört. Das hat man am vergangenen Samstag in Berlin oder beim Anspucken des deutschen Gesundheitsministers gesehen.

Auch hierzulande formiert sich eine bislang überschaubare Verfschwörerszene, die zwischen den Zeilen auch Aktionen in Luxemburg angekündigt hat. Die Argumentation bleibt aber die gleiche: »Die da oben« wollen uns in eine Diktatur führen mit 5G, Impfungen und Mund-Nase-Bedeckungen. Zeugnisse einer seit Jahrzehnten immer mehr zurückweichenden Allgemeinbildung, auch im politischen Rahmen.

Jede Kritik etwa an Verstaatlichungen von Großkonzernen aus Steuergeldern, an deren Ende Renditen für Aktionäre ausgeschüttet werden, wohingegen nur unzureichenden arbeitspolitische und soziale Maßnahmen zur Abfederung der Krise getroffen wurden, fehlt im Strudel des Reptiloiden-Satanisten-5G-Maulkorb-Gebells völlig. Wenn sie in Berlin vor dem Reichstag »Widerstand!, Widerstand!« brüllen, geht es ihnen nicht darum, die Gesellschaft im Zeichen der Pandemie endlich auf einen sozialeren Weg zu bringen und Lehren aus den Schwächen der Globalisierung oder Liberalisierungen von essentiellen Diensten zu ziehen. Es geht ihnen darum, daß sie ihren blanken Egoismus über die Interessen der Gemeinschaft stellen wollen und daß sie im Geschäft, um andere zu schützen, eine Mund-Nase-Bedeckung tragen müssen. Die Linie zwischen berechtigter Kritik an Regierungsmaßnahmen und Schwurbelei sollte immer klar gezogen werden.

Wir sind im siebten Monat der Pandemie an einem kruzialen Punkt angelangt, wo wir etwas dringend brauchen, was uns der Kapitalismus seit der Wiege als Schwäche auslegt: Solidarität. Eine gemeinsame Anstrengung der Vernünftigen, die wichtige Kritik am System und an den Maßnahmen, wie erwähnt, nicht ausspart, die sich aber auch klar und deutlich gegen solche Umtriebe stellt, wie wir sie in Berlin auf den Stufen des Reichstags sicherlich nicht zum letzten Mal gesehen haben.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Mittwoch 2. September 2020