Nicht-Experte in Informatik zu Schulbeginn:

Wohlbefinden und Zukunftschancen für wen?

Gestern hatte Minister Meisch die Presse ins Escher Lycée Hubert Clément gebeten für seine Pressekonferenz jenseits von Masken, Lüften, Desinfizieren und Distanzierung zum Schulbeginn. Da gab es unerwartete Aussagen zu den Folgen der von der Regierung angeordneten Maßnahmen wie der, man habe Kindern und Jugendlichen vieles abverlangt, was ihr Wohlbefinden beeinträchtigt hat. Denn fürs Wohlbefinden sei soziale Nähe nötig und soziale Kontakte auf Distanz gingen noch schlechter als Schule auf solche Art und Weise.

Laut Meisch haben »sie« eine ganze Portion Bildung, Sport und soziale Kontakte verloren, zum Teil sogar den Tagesrhythmus, sie haben sich gefürchtet, zu Freunden, zu Oma und Opa zu gehen – und »einige haben ganz viele Kilos gewonnen«. Und der Minister klagt weiter, es gebe noch »Jonker«, »die noch Angst haben vor Corona« und er war ganz schockiert als ihm eine Mutter kürzlich erklärte, ihr 13-jähriges Mädchen habe sich den ganzen Sommer kaum aus dem Haus getraut aus Angst, sich anzustecken.

Angst aber ist Gift für die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen und es ist eine Katastrophe, daß Vereinsverantwortliche in den letzten Tagen den Minister darauf aufmerksam gemacht haben, daß die Kinder, die jetzt wieder in die Vereine dürften, nicht mehr kommen wollten. »Die Regeln passen nicht in die Welt der Jugendlichen«, sagt der Minister, aber auf die Regeln will und kann er nicht verzichten.

Digitalisierung einholen

Corona habe der Digitalisierung einen Schub gegeben, weswegen die Schule mehr Gewicht auf Informatik legen müsse. Bei Meisch heißt das mehr iPads von Apple verteilen, damit alle in der Microsoft Cloud mit Microsoft Programmen, für die im letzten Schuljahr 30 Millionen Lizenzgebühren gezahlt wurden, was im kommenden auf 60 Millionen steigt, herumfuhrwerken können.

Als wir fragten, ob neben dieser Werbung für zwei USA-Firmen auch geplant ist, Linux ins Programm zu nehmen, kommt ein entwaffnend ehrliches »Ech sin keen Expert dovunner«. Claude Meisch läßt dem folgen, er denke, es werde auch auf Open-Source-Werkzeuge zurückgegriffen werden, aber »wir werden das haben, was in den Schulen gefragt wird«.

Die 60 Millionen Lizenzgebühren, für die es nichts Handfestes gibt wie schon für die 30 Millionen im letzten Jahr, sind aber genug Geld, um damit auf Linux-Basis exakt das auf die Beine zu stellen, was die Luxemburger Schule braucht, ohne von Änderungen der Geschäftspolitik eines Konzerns vor ein Nichts gestellt werden zu können. Und Microsoft hat schon mehr als einmal einfach mit etwas aufgehört im höheren Profitinteresse, wobei das mit Windows98 begann, dessen Hauptwirkung war, alle MSDos-Programme wertlos zu machen.

Ansonsten ist es nett, wenn in der Klasse 4.1 in der Grundschule in Mathematik ein erster Einblick ins Programmieren gegeben werden soll, und zwar »großteils ohne Bildschirm«. Warum das mit dem englischen Wort »coding« behübscht werden muß, erschließt sich zwar nicht, aber bitte.

Zukunftsmusik ist dann die Ankündigung von einem neuen Informatik-Fach in der Unterstufe der Sekundarschule und »coding« im Zyklus 2 und im gesamten Zyklus 4 ab September 2021 und im Zyklus 3 ab September 2022, aber so lange sich das in einer Einweisung in Microsoft-Programme erschöpft, ist das eine reichlich sinnlose Werbesendung.

Neue Angebote

Alle 20 neu aufgelegte Lehrmaterialien gibt es auch in digitaler Version, was ein selbständigeres Lernen ermögliche, wobei die Lehrkraft zum »Coach« werde. Der Minister verkauft das unter »blended learning«.

Angekündigt wird für demnächst (?) eine Online-Plattform fürs Luxemburgisch-Lernen übers Institut National des Langues für alle, auch für die Schulen.

Für die Erwachsenenbildung kommt ein Zentrum ins »rote Gebäude auf Belval« mit 44 Sälen. »Später« werde das auf andere Landesteile ausgedehnt. Dort soll umgeschult und weiterbildet werden entsprechend der Änderungen im Wirtschaftsleben, wenn Berufe wegfallen und neue auftauchen.

Für Leute mit DAP-, Techniker-Abschluß oder 1ère wird es unter dem Namen »Diplom+« spezialisierte Programme über die beiden CNFPC-Standorte Esch und Ettelbrück geben für bessere Chancen auf einen Arbeits- oder Studienplatz.
Angekündigt werden »assises de la jeunesse«, CEPAS-Präventionsprogramme in den Sekundarschulen und in den Grundschulen eine engere Zusammenarbeit mit »Aide à l‘Enfance«.

In der Grundschule gibt es 2 neue Posten pro Direktion (also 30) als direkte Hilfe in Sachen Inklusion. Für die Sekundarschulen werden jetzt 47 zusätzliche Posten dafür ausgeschrieben.

Für die Orientierung der Neuankömmlinge, die schon etliches an Schule im Ausland hinter sich haben, werden 30 zusätzliche Posten geschaffen, damit sie in die richtige Richtung gebracht werden und nicht unter ihren Möglichkeiten laufen. Konkrete Vorschläge, wie das funktionieren soll, sind aber erst noch auszuarbeiten und »in den nächsten Monaten mit den Akteuren zu diskutieren um sie dann umzusetzen«.

jmj

Donnerstag 10. September 2020