SEW wirft Minister Selbstbeweihräucherung vor:

Dialog Null, Probleme schöngeredet

In den Kompetenzzentren liegt ein Konflikt mit dem Minister in der Luft, weshalb gewerkschaftliche Aktionen in Sicht sind, wird gleich zu Beginn der Pressekonferenz des »Syndikat Erzéung a Wëssenschaft am OGBL« (SEW), der von Kirchberg ins Bonneweger Casino Syndical umgezogen ist, mitgeteilt.

Nicht nur dort gibt es viele andere Probleme als Covid19, aber der Minister benutzt die Ressourcen des Erziehungsministeriums, um persönliche Reklame zu machen. Die Realität in den Schulen läßt sich aber nicht schönreden, denn die vom Minister gefeierten Maßnahmen kommen nicht an oder greifen nicht. Bei der Veranstaltung am Vortag in der Philharmonie hat der Minister die Lehrkräfte als Kulisse mißbraucht, um sich zu loben, wonach der geladene Gast, Prof. Dr. Manfred Spitzer gegen Computer in der Schule argumentierte und alles widerlegte, was Claude Meisch zuvor gesagt hatte, so Patrick Arendt.

So wies Manfred Spitzer darauf hin, daß beim Schreiben- und Lesenlernen die Motorik mit dem Bleistift wichtig ist: Computer sind da kontraproduktiv, denn mit einer Software lernt sich das nicht. Deswegen betont der SEW seit langem, daß die Digitalisierung kein großes Allheilmittel sein kann, auch wenn der Minister darin total vernarrt ist. Wenn in der Grundschule da irgendetwas wichtig ist, dann ein Konzept für einen kritischen und sinnvollen Umgang mit den neuen Medien, damit die Kinder Medienkompetenz erlangen und das nicht als ein anderes Spielzeug ansehen.

So kann das Kodieren auch kein großes Thema in dieser Krise sein, wo die Kinder aus den sogenannten bildungsfernen Schichten total abgehängt zu werden drohen. Am Anfang der Grundschule steht ein Code mit 26 Zeichen und ein paar zusätzlichen, mit denen sich das ganze Wissen der Welt erschließt, führte Patrick Arendt aus, und »wir haben sehr viele Probleme mit Lesen, Schreiben und Rechnen«, die primär zu lösen sind.

Hauptschwerpunkt müßte es sein, die bei »Schoul doheem« entstandenen Lücken zu schließen, die überall dort auftraten, wo die Eltern nicht in der Lage waren, ihren Kindern zu helfen, bzw. wo diese nicht das nötige Material hatten oder es in der Familie teilen mußten. Das ist auch ein Grund, warum es dasselbe nicht nochmals geben darf.

Lücken schließen!

Der SEW fordert vom Ministerium rasch standardisierte Tests vorzulegen, um zu sehen, wo welche Lücken sind, damit gegengesteuert werden kann. In den beiden Wochen vor Schulbeginn konnte das nicht gelingen, und es ist auch keine Lösung, die Stützstunden außerhalb der Schulzeit zu legen, weil dann die während der Schulzeit wegfallen. Für Stützkurse wird Personal gebraucht, und das fehlt, nachdem in den letzten 10 Jahren übers Kontingent mehr als 10.000 Wochenstunden abgeschafft wurden.

Die müßten wieder her, aber statt mehr Personal zu den Kindern zu schicken, werden weiterhin Leute in der Schule abgezogen, die dann als »Spezialisten« wieder auftauchen und viel Zeit in Versammlungen, bei Coaching und Verwaltung verbringen. In der Schule werden sie ersetzt durch Leute, die noch nicht ausgebildet sind. Die Notlösung Lehrbeauftragter wird zur Regel und das Ministerium bemüht sich gar nicht, wieder mehr junge Leute fürs Lehren zu motivieren. Gerade eben wurden wieder 15 Lehrkräfte abgezogen, die nun als »Coding-Experten« fungieren.

Daher die SEW-Forderung, alle Spezialisten sofort zurück zu den Kindern zu schicken und die Zeit jetzt einzusparen, die auf Schulentwicklungspläne draufgeht.

Wie in der Grundschule hat der Minister auch im Sekundarschulbereich nicht mit den Gewerkschaften gesprochen. Er hat in einer Videokonferenz zu den Gewerkschaften gesprochen, die kurzfristig einberufen und wo daher eine Vorbereitung unmöglich war. Dialog ist das keiner, so Jules Barthel, wenn allenfalls »à chaud« der allein teilnahmeberechtigte Präsident seine private Meinung äußern kann. Auf einen Brief vom 17.6.2019 hat der SEW bis heute keine Reaktion bekommen. Auch reagiert das Ministerium nicht mehr auf Aussendungen der Gewerkschaften, selbst dann nicht, wenn sie es alle gemeinsam mit den Eltern und Schülern rausgeben.

Personalmangel ist das größte Problem

Auch in den Sekundarschulen ist der Personalmangel allgegenwärtig. Statt der kaum umsetzbaren Aufspaltung großer Klassen in zwei, wo ein Teil zu Hause vorm Bildschirm denen in der Klasse zuschaut (wie geht das bei Sport und praktischen Arbeiten?), sollten die Klasseneffektive gesenkt werden auf 24 oder 20, wie es die Gewerkschaften schon lange fordern. Aber dafür fehlt das Personal, und das ist das dramatischste Problem im Unterrichtswesen.

Fürs Schuljahr 2018/19 wurden z.B. 20 Informatik-Posten ausgeschrieben. 8 meldeten sich, 3 nahmen am »Concours« teil, 1 kam in den Stage. 2019/20 dasselbe: 20 Posten waren ausgeschrieben, 2 kamen in den Stage, wovon einer zuvor bereits als »chargé« unterrichtete. Folge davon ist, daß die eingestellten Informatiker Überstunden halten, soviel nur geht, und der Rest irgendwie besetzt wird. Logisch, daß da deutsche oder französische Grammatik mit Tastatur statt mit Blatt und Stift stattfindet.

Dasselbe gilt für die »maîtres d‘enseignement technique«, die massiv Überstunden leisten. Dennoch fallen Optionen aus und damit existieren die Handwerksschnupperkurse nicht mehr.

Die flächendeckende Ausstattung der Schulen mit digitalem Material bringt keinen pädagogischen Mehrwert, weil ein Gesamtkonzept fehlt. Es heißt »kuck, dats de eens gess«, wobei der Vertrag mit Apple dieser Privatfirma exklusiven Zugang zu den Schülern gibt. Das ist mehr als problematisch, umso mehr Apple wie Microsoft Zugang zu allen Daten der Schüler haben und niemand weiß, was damit geschieht. Der SEW fordert stattdessen mehr OpenSource, da dahinter keine Firmenpolitik steht und keine Millionen für Lizenzgebühren Jahr um Jahr fällig werden.

jmj

(Foto: ZLV)

Freitag 11. September 2020