»Es mangelt an einem Gesamtkonzept für das ganze Schulwesen in Luxemburg«

Interview mit Jules Barthel, dem Vizepräsidenten der Lehrergewerkschaft SEW/OGBL

Jules Barthel, was halten Sie von der Kritik verschiedener Oppositionsparteien, Minister Meisch würde schlecht kommunizieren?

Von Dialog kann eigentlich keine Rede sein. An sich findet keine richtige Diskussion statt, seit Jahren werden wir höchstens informiert und vor vollendete Tatsachen gestellt. Seit der CODIV19-Krise ist die ministerielle Verfahrensweise stets dieselbe. Wir bekommen nur zwei oder drei Tage im Voraus – oft sogar kurz vor dem Wochenende – eine Email aus dem Ministe­rium, in der wir informiert werden, dass der Minister sich gerne mit uns unterhalten wolle. Details werden nicht kommuniziert, so dass wir uns nicht richtig vorbereiten können – Zeit für eine beratende gewerkschaftliche Komiteeversammlung bleibt da selbstverständlich keine mehr. Außerdem werden nur noch die Gewerkschaftspräsidenten zu diesen Besprechungen eingeladen, welche immer kurz vor den medial mir einigem Pomp inszenierten Pressekonferenzen des Ministers stattfinden.

Dergestalt besitzen die Gewerkschaften keinen Handlungsspielraum und können zum Beispiel nicht im Vorfeld mit eigenen Vorschlägen reagieren. Letztlich ist es der Gewerkschaftspräsident selbst, der noch während der Versammlung im Bildungsministerium dem Minister seine eher persönlichen – und nicht eingehend mit der Gewerkschaftsführung abgesprochenen - Überlegungen vermitteln muss.
Auch die Briefe, die wir jetzt schon seit Jahren an den Minister senden, und in denen wir auf konkrete Probleme hinweisen, bleiben unbeantwortet. Diese Situation hat sich seit letztem März, also seit Beginn der »Corona«-Krise definitiv nicht verbessert.

Auf kein einziges Kommuniqué hat der Minister reagiert, nicht mal auf dasjenige, das von fünf Gewerkschaften und zwei Schüler- und Studentenorganisationen an ihn gerichtet war.

Aber nicht nur wir Gewerkschafter bedauern die fehlende Dialogkultur des Ministers, auch die Elternvereinigungen, die Schuldirektoren, welche diesen Umstand natürlich nicht öffentlich bekunden, und andere Organisationen beklagen die fehlende Dialog- und Handlungsbereitschaft des Ministers.

Nun haben sich die mei­sten im Parlament vertretenen Parteien auf die offensichtlichen Kommunikationsmängel beschränkt. Die Beanstandungen des SEW gehen allerdings weiter. Wie beurteilen Sie die Einstellungspolitik des Ministeriums? Warum fehlen Lehrkräfte, insbesondere in den sogenannten STIM-Fächern (Naturwissenschaften, Technik, Technologie, Informatik, Mathematik)?
Ich möchte eine Anekdote erwähnen, um die Schieflage zu illustrieren. Die Gewerkschaften verlangen im Sekundarschulbereich schon seit geraumer Zeit die sogenannten »Klasseneffektive« von maximal 29 auf 20 Schüler zu reduzieren. Aber sogar wenn der Minister dies ebenfalls anstreben würde, könnte er aktuell diese Reform nicht durchsetzen.

Ich zitiere ihn aus unserer letzten Besprechung vor den Sommerferien. Damals hat das SEW ihm vorgeschlagen, Lehren aus den eher positiven Erfahrungen mit den kleinen A- und B-Gruppen in den Klassen zu ziehen, die Gelegenheit also beim Schopf zu packen und die »Klasseneffektive« für den Schulanfang im September endlich resolut zu verkleinern.

Minister Meisch antwortete, dass er uns gerne das Geld für diese Initiative zur Verfügung stellen würde, aber nur wenn wir ihm das dazu nötige Personal sozusagen herbeischaffen würden. In der Tat, es besteht ein akuter Mangel an Lehrkräften. Hierbei handelt es sich um ein sehr ernstes Problem für das Luxemburger Bildungssystem. Dieses wird sich in den nächsten Jahren dramatisch verschlechtern, wenn keine konkreten Schritte und Initiativen unternommen werden. In Luxemburg nimmt die Zahl der Schüler rasant zu, es gibt immer mehr Schulen und es existieren weitaus mehr Bildungswege als noch vor fünfzehn Jahren.
Um das alles meistern zu können, brauchen wir dringend fachlich gut ausgebildete Pädagogen.

Was nun die STIM-Fächer betrifft, ist der Personalmangel besonders eklatant. Gerade diese Bereiche wollte der Minister, indem er sich auf die Rifkin-Etüde der Regierung berief, fördern. Wenn man allerdings diese neuen Bildungswege anbieten möchte, bedarf es auch der nötigen Lehrkräfte. Das ist doch mehr als selbstverständlich, dem Minister scheint dies aber zuvor wohl noch nicht ganz klar gewesen zu sein.

Hier ein paar aufschlussreiche Zahlen aus dem Bereich »Informatik«. In den letzten Jahren sind über 40 Posten ausgeschrieben worden, aber nur 15 diplomierte Informatiker haben bei der Aufnahmeprüfung für das Referendariat mitgemacht und letztlich konnten nur 10 Kandidaten das Referendariat antreten. Nicht mal 25 Prozent des eigentlichen Bedarfs wurden damit abgedeckt.

Im vergangenen Schuljahr wurden im selben Fach 20 Posten ausgeschrieben, wobei schließlich nur zwei Personen mit dem Referendariat, also dem »Stage«, beginnen konnten. Dabei arbeitete eine dieser Personen zuvor schon als Lehrbeauftragter an einer Schule in Luxemburg, so dass unter dem Strich im Jahr 2019/2020 nur eine einzige zusätzliche Lehrkraft im Bereich Informatik engagiert wurde! In Betracht gezogen wurde hierbei nicht einmal, dass im gleichen Zeitraum eine ganze Reihe von Kollegen in Rente gingen.

Wenn der Staat diese Po­sten ausschreibt, dann tut er dies aufgrund einer vorliegenden Mangels. Ausgebildete Akademiker in den STIM-Fächern fehlen indes zurzeit.

Man kann sich folglich leicht ausmalen, wie es aktuell an den Sekundarschulen Luxemburgs zugeht. Die Informatik-Lehrer haben allesamt Überstunden, sie decken aber bei Weitem nicht die gesamte Unterrichtsstundenkapazität ab.

Diese Informatik-Stunden werden dann von Lehrern gehalten, die nicht in extenso über das Spezialwissen verfügen oder von Lehrbeauftragten und sogenannten »externen Experten«, die direkt über die Direktionen mit befristeten Verträgen eingestellt werden. Wir sind der Überzeugung, dass all diese Leute ihre Arbeit bestmöglich erledigen, trotzdem sei die Frage erlaubt, ob dieser enorme Personalmangel wirklich der Grundstein sein soll für ganz spezifische und hochwertige Ausbildungsangebote der öffentlichen Sekundarschule.

Das Problem betrifft jedoch nicht nur den STIM-Bereich, gleichsam quer durch den Garten fehlt es an Fachleuten und Pädagogen. Qualifiziertes Personal erweist sich – und das müsste auch dem Minister einleuchten – als das A und O eines effizienten Unterrichts. Leider sieht es nicht so aus, als würde das Bildungsministerium dieses Problem in naher Zukunft in den Griff bekommen.

Der Lehrerberuf scheint definitiv nicht mehr besonders attraktiv zu sein. Sogar die oftmals in der Presse und in den sozialen Medien karikatural beschriebenen respektiv verschrienen »Vorteile« und »Privilegien« des Lehrpersonals – lange Ferien, wenig Arbeit, hohe Gehälter usw. – scheinen die heutigen Studenten nicht mehr richtig für den Beruf zu begeistern. Allzu oft und zu intensiv wurde dieser Beruf in den letzten Jahrzehnten durch den Dreck gezogen.

Was halten Sie vom Nachhilfeangebot des Ministe­riums? Welche Fehler dürfen diesbezüglich nicht gemacht werden?

Im Laufe des Ausnahmejahres 2019/20 haben sehr viele Schüler Rückschläge in ihrer schulischen Entwicklung erleben müssen, besonders jene Schüler, die bereits in der Schulzeit vor «Corona» mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hatten – gerade sie sind die Verlierer des »Lockdowns«.

Und eben deshalb gilt es, mit großer Intensität Nachhilfestunden und andere pädagogische Möglichkeiten zu organisieren, damit die betroffenen Kinder und Jugendlichen ihre schulischen Rückstände aufarbeiten können. Diese Kurse müssen auf jeden Fall im Rahmen des normalen Wochenstundenpensums angeboten werden, so dass die Schüler nicht durch zusätzliche Arbeitsstunden überfordert werden und dadurch immer weiter in den Strudel des Misserfolgs geraten. Wir werden in den nächsten Wochen und Monaten sehr genau aufpassen, ob die vom Minister getroffenen Maßnahmen für den Sekundarschulbereich – unter anderem eine Erhöhung der Nachhilfe- und Aufarbeitungsstunden um 20 Prozent – den notwendigen positiven Effekt für die Schüler haben werden; zu einer Überforderung der Schüler darf es keinesfalls kommen, somit würde nämlich ein gegenteiliger Effekt eintreten.

Wie betrachtet das SEW die von der Regierung geführte Digitalisierungspolitik im Schulwesen?

Luxemburg ist mit großer Wahrscheinlichkeit das Land auf der Welt, das auf schulischer Ebene flächendeckend am besten mit informatischem Material ausgerüstet ist.

Kürzlich hat der Minister ja angekündigt, dass die Sekundarschulen mit weiteren 15.000 sogenannten »I-Pads« beliefert werden. Allerdings stellt eine hervorragende digitale Ausstattung der Schulen nicht unbedingt einen Mehrwert dar.
Digitale Medien führen nicht automatisch zu einem besseren Unterricht oder zu innovativen pädagogischen Konzepten. Es kommt in er­ster Linie darauf an, wie dieses Material sowie die entsprechenden Programme pädagogisch sinnvoll in den jeweiligen Klassen eingesetzt werden. In dieser Hinsicht mangelt es indes an Planung und Struktur.

Eben aus diesem Grunde muss ein Gesamtkonzept für die Schulen erstellt werden. Darüber hinaus müssen Lernprozesse für sämtliche Lehrgänge ausgearbeitet werden.

Schließlich erweist sich bei der Ausbildung der Lehrkräfte eine Neuorientierung als unabdingbar. Hiervon war seitens des Ministeriums noch nichts zu hören. Die Lehrkräfte sind quasi auf sich alleine gestellt, also Einzelkämpfer im digitalen Dschungel, ein wenig nach dem Motto: Hier ist das Material, hier sind ein paar Beispiele und nun schau zu, dass du damit klar kommst! Freilich kann man von vereinzelten Weiterbildungsseminaren oder Programmen profitieren – noch letzte Woche hat der Minister ja einige Neuerungen präsentiert –, aber es mangelt, wie bereits erwähnt, an einem Gesamtkonzept für das ganze Schulwesen in Luxemburg.
Sind der Teilprivatisierung der Luxemburger Schule durch Exklusivverträge mit »Apple« für Tablets oder »Microsoft« für Programmlizenzen nicht Tür und Tor geöffnet?

Wir betrachten diese Exklusivverträge mit »Apple« und »Microsoft« in der Tat als recht problematisch. Der Luxemburger Staat gibt auf diese Weise privaten Firmen exklusiven Zugang zu den Daten von Schülern und Lehrkräften; diese Firmen können später natürlich diese neuen »Benutzer« als Kunden rekrutieren. Unsere Schulen sollen allerdings nicht zu einem Marktplatz für private Unternehmen mutieren und die Schüler respektiv Lehrer sollen nicht als spätere Kunden beziehungsweise Konsumenten gleichsam mitvermarktet werden.

Eine weitere Frage stellt sich in punkto Datenschutz: Große Konzerne wie »Apple« oder »Microsoft« erhalten über die Verträge Zugang zu den Daten unserer Schüler, und wir wissen bis heute nicht, was genau mit diesen oftmals sensiblen Daten passiert. Wo gelangen diese hin? Wo werden sie abgespeichert?

Die Schule hat jedenfalls die Aufgabe, die Daten der Schüler zu schützen und eben diese auch präzise über das Thema »Datenschutz« aufzuklären. In diesem Zusammenhang kann man auch fragen, warum Ministerium und Schulen nicht in größerem Umfang mit open-source-Programmen, bei denen kein kommerzielles Interesse im Vordergrund steht, arbeiten.

Eine vielleicht etwas leidige Frage zum Schluss: Wie beurteilen Sie die Chancen für eine zukünftige »Einheitsfront« der Gewerkschaften im Bildungswesen?
Das SEW ist der Idee von einer Einheitsgewerkschaft beziehungsweise einer großen gemeinsamen Gewerkschaft im Bildungswesen nicht abgeneigt.

In den vergangenen fünfzehn Jahren haben wir öfters versucht, sämtliche Lehrergewerkschaften bei einzelnen Themen an einen gemeinsamen Tisch zu bringen. Dies ist allerdings nicht immer einfach gewesen, auch wenn bei den jeweiligen Problemfeldern oftmals ähnliche oder gleichlautende Standpunkte vorhanden waren.

Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass wir kurz- bis mittelfristig den Weg hin zu einer Art »Einheitsfront« finden werden. Langfristig wird allerdings an einer solchen kein Weg vorbeiführen.

Punktuell werden sich die verschiedenen Gewerkschaften aber zweifellos weiter, wie dies bislang der Fall gewesen ist, konstruktiv über die Schwierigkeiten im Luxemburger Schulwesen austauschen.

Das Interview führte
Alain Herman

Jules Barthel ist im »Syndikat Erzéiung a Wëssenschaft« zuständig für den Sekundarschulbereich

Montag 14. September 2020