Profitabsicherung der besonderen Art:

Vandalismus wider Sandsteine

Es sage niemand, Bauträger seien nicht einfallsreich. Dies gilt sowohl, wenn sie Leuten nachsteigen, um sie dazu zu bringen, ihnen, und nur ihnen, ihr schmuckes Häuschen zu verkaufen, wenn sie den Schöffenrat mit einspannen, wenn die Leute gar nicht wollen, und dann, wenn sie‘s endlich haben, um zu verhindern, daß ein schönes Haus denkmalgeschützt wird und damit der geplante große rechteckige Kasten sich nicht verwirklichen läßt.

Wir wissen leider nicht, wie ein Bauträger erreichen kann, daß über zwei Monate lang das Schreiben eines Bürgers am Schreibtisch von Sites et Monuments liegen bleibt, in dem beschrieben wird, warum dieses Hause an der Ecke der Rue de l‘Aciérie und der Escher Straße in Hollerich schützenswert ist mit seinen unzähligen Sandsteinverzierungen an der Fassade und seinen Stuckdecken im Innern. Es sind diese Häuser, die einer Stadt ein freundliches Gesicht geben. Darüber hinaus legen sie Zeugnis ab über die vergangene Entwicklung, von der aber offensichtlich viele nichts mehr wissen wollen. Doch wer nicht weiß, woher er kommt, weiß nicht, wohin er geht!

Die Stadt Luxemburg droht mit dem aktuellen Schöffenrat in Richtung einer seelenlosen Kistenstadt zu gehen. Das Schlimmste daran ist, daß das nur den Profiten von Bauträgern, Baufirmen und Immobilienmaklern dient, aber an der bestehenden Wohnungsnot rein gar nichts verändert. Dies weil durch den Abriß gewachsener Strukturen, die dann durch wohl größere Kisten ersetzt werden, nicht so viel mehr Wohnungen entstehen. Andererseits verhindert dieser Schöffenrat beharrlich, daß in Neubauvierteln höher gebaut werden kann, was erheblich mehr Wohnraum brächte, gleichzeitig aber ebenfalls viel mehr Grünflächen. Darauf haben wir schon vor Jahren hingewiesen mit Bildern aus Innsbruck, einer Stadt, die in Größe und Einwohnerzahl durchaus vergleichbar ist mit Luxemburg, aber wesentlich grüner ist – und das nicht nur an den Berghängen rechts und links, sondern sehr wohl auch im Stadtbereich.

Arbeitszeit und Sandsteine vernichtet

In der Rue Jean l‘Aveugle am Limpertsberg antwortete Ende Mai 2019 zum ersten Mal auf einen Brief aus dem Kulturministerium ein Bauträger damit, daß er Arbeitszeit dafür bezahlte, mit Hebebühne und Preßlufthammer verzierte Sandsteine zu zerstören. Er wollte damit die angekündigte Klassierungsabsicht unmöglich machen und wußte den Schöffenrat hinter sich.

Bis heute biß er damit jedoch auf Granit und die verschandelten Häuser stehen unverändert da. Der Bauträger setzt seine Hoffnung in die bürgerliche Klassenjustiz, was auch die Bürgermeisterin tut, wenn sie bei Gelegenheit wiederholt, dem Ministerium drohten da saftige Entschädigungszahlungen.

Ob es dazu kommt, werden wir sehen. Die Justiz muß aber auch wissen, daß sie damit den Beweis antritt für alles andre als Unparteilichkeit.

Nachahmer dieser Aktion mit dem Preßlufthammer gibt es jedenfalls jetzt schon zwei. Die erste fand an der Place Dargent in Eich statt, obwohl dort unseres Wissens nie eine Klassierung anstand. Die zweite gab es jetzt letzte Woche in Hollerich beim eingangs beschriebenen Haus.

Das hat ein besonderes Geschmäckle, weil bei der Trauer- und Protestaktion am Abend des 3. September, über die wir berichtet haben, die Abbrucharbeiter noch gesagt hatten, sie hätten den Auftrag, die Sandsteine pfleglich herauszunehmen und bei Seite zu legen, weil sie doch so wertvoll seien. Der Bauträger war sich offensichtlich nicht mehr ganz sicher, ob der Brief mit dem Klassierungswunsch noch weiterhin lang genug unbearbeitet am Tisch von Sites et Monuments liegen bliebe, und erteilte den Arbeitern einen anderen Auftrag. Anstatt weiterhin Strom- und Wasserleitungen zu entfernen und Luster abzuhängen, sollten sie nun mit dem Preßlufthammer die Sandsteinverzierungen zerstören. Dafür bekamen sie selbstverständlich auch für die oberen Etagen eine fahrbare Hebebühne, und vom Schöffenrat bereitwillig die Genehmigung, zeitweise auf der Escher Straße bzw. in der Rue de l‘Aciérie eine Fahrspur abzusperren. Der Bauträger wird sich wohl für dieses rasche Entgegenkommen erkenntlich zeigen, oder?

Das Ganze stellt jedenfalls einen Skandal ersten Ranges dar, auch wenn die Bürgermeisterin in solchen Fällen immer wieder auf den Vago-Plan verweist, seit dem das erlaubt ist, was in der Rue Jean l‘Aveugle geplant und von ihr bewilligt wurde, wie auch was jetzt hier in Hollerich bewilligt ist. Daß sich, wie wir hörten, in Hollerich die Stadtverwaltung eingeschaltet hat, um eine Verkaufsunwillige mit einem Tausch mürbe zu machen, ist dabei definitiv das Tüpfelchen auf dem berühmten »I«.

jmj

Am Ende der Zerstörung der Sandstein-Ornamente hing immer noch ein Luster im zweiten Stock unter der Stuckdecke...
Ein Trauerspiel!

Dienstag 15. September 2020