Unser Leitartikel:
Jeder einzelne ist gefragt

Der am Mittwoch veröffentlichten Corona-Retrospektive des Gesundheitsministeriums ist zu entnehmen, daß zum 4. Oktober 7.793 Menschen als genesen galten. Mancher mag schnell diese Zahl von den Gesamtinfektionen abziehen und erklären, daß sich für die wenigen »wirklich erkrankten« im Krankenhaus der ganze Aufwand um die hygienischen Maßnahmen zur Einschränkung der Pandemie übertrieben sei.

In Deutschland liegt diese Zahl bei rund 260.000 Personen, die offiziell als »genesen« gelten. Doch immer häufiger zeichnet sich ab, was Wissenschaftler schon vor Monaten befürchteten: Auch wer eine Infektion ohne größere Probleme durchgemacht hat, kann mit Folgeschäden und –erkrankungen zu kämpfen haben. Selbst junge, ehemals sportlich aktive Menschen, die einen sehr leichten Verlauf hatten, klagen über Erschöpfungszustände, psychosomatische Erkrankungen oder schlimmstenfalls Organschäden. Dazu kommt: Eine Immunität gibt es, wenn überhaupt, dann nur für kurze Zeit.

Als die Wissenschaftler im Frühling auf diese Folgerisiken hinwiesen und deshalb die Einhaltung der hygienischen Maßnahmen als absolut wichtig erklärt wurde, gab es aus den Kreisen der Corona-Leugner bestenfalls Gelächter. Sie werden nicht müde, insbesondere in sozialen Netzwerken, unter jedem Wissenschafts- oder Nachrichtenbeitrag Testgenauigkeit, Todesursache oder Ansteckungsrisiko in Frage zu stellen, gepaart mit Links zu fragwürdigen YouTube-Videos.

Während die Infektionszahlen sich hierzulande aktuell auf höherem Niveau einpendeln, was uns vermutlich einen Platz auf der Hitliste des RKI bis mindestens zum Jahresende garantiert, explodieren die Zahlen der Neuinfektionen in unseren Nachbarländern Frankreich und Deutschland dramatisch. Viele Deutsche spüren nun am eigenen Leib, wie es ist, über Nacht Risikogebiet zu sein und mit Reisebeschränkungen leben zu müssen.

Dabei ist insbesondere für Menschen, die etwa aus Luxemburg in eines der deutschen Bundesländer einreisen wollen, das föderale System, in welchem jedes Bundesland bis zu einem gewissen Grad eigene Maßnahmen ergreifen kann, ein Problem: Zahlreiche Verordnungen, die laufend ergänzt werden, wollen studiert sein, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Neu sind nun kommerzielle Beherbergungsverbote für Menschen, die aus einem Risikoland oder -gebiet ins entsprechende Bundesland einreisen. Einige deutsche Länder haben aber bereits erklärt, dies nicht umsetzen zu wollen, anderen geht es nicht weit genug.

Die Folge ist, daß niemand mehr durchblickt, und vor allem Hotellerie und Gastronomie, wie seit dem Sommer bereits in Luxemburg, auch in Deutschland massiv leiden. All diese Existenzen hängen direkt oder indirekt vom Verhalten der Bevölkerung in der Pandemie ab.

Nicht nur, daß Hochzeiten und Familienfeiern mit teilweise hunderten Gästen ohne Hygieneregeln gefeiert werden, auch die Verweigerungshaltung jedes einzelnen, der glaubt, immun zu sein, moralisch über der Gesellschaft zu stehen oder das Tragen eines Stück Stoffs im Gesicht beim Einkaufen oder am Arbeitsplatz zum Schutz der Mitmenschen nicht in sein unsolidarisches Weltbild paßt, sind auch direkte Sargnägel für Hoteliers und Gastronomen, von der Kulturszene ganz zu schweigen.

Wer nicht bereit ist, die hygienischen Maßnahmen mitzutragen, stellt angesichts der Verschärfung der Lage ein Problem für seine Mitmenschen und die Überwindung dieser Gesundheitskrise dar. Das muß so deutlich formuliert werden.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 8. Oktober 2020