Alitalia soll endlich wieder fliegen

Italia Trasporto Aereo soll »Italien in die Welt tragen«

Die seit drei Jahren insolvente nationale italienische Airline Alitalia soll nun endlich wieder fliegen. Ein Dekret der Regierung des parteilosen Premier Conte mit den Hauptpartnern, dem sozialdemokratischen Partito Democratico (PD) und der Fünf Sterne-Bewegung (M5S) beinhaltet, dem Land »die weltweit aktive Fluggesellschaft zu erhalten«, indem durch einen staatlich gesteuerten Umbau ein neues nationales Luftverkehrsunternehmens »Italia Trasporto Aereo« – abgekürzt ITA – gebildet wird, hieß es in der von der staatlichen Nachrichtenagentur ANSA verbreiteten Nachricht.

Wirtschaftsminister Roberto Gualtieri, von der in der Angelegenheit vor allem aktiven PD, erklärte, die Neugründung stelle »den ersten Schritt zur Schaffung eines hochqualitativen Transportunternehmens dar, das auf dem internationalen Markt konkurrenzfähig ist«. Es werde der »Grundstein für die Wiederbelebung des italienischen Luftverkehrs« gelegt. Namentlich nicht genannte Spitzenmanager sollten laut dem Minister binnen 30 Tagen einen Industrieplan für die weitere Entwicklung ausarbeiten, der dem Parlament vorzulegen sei. Die Firma müsse auch noch beim italienischen Rechnungshof registriert werden. Verkehrsministerin Paola De Micheli (ebenfalls PD) sprach von einer Airline, die »Italien in die Welt tragen soll«, von einem »Industriebetrieb im Dienste des Landes«, der den Tourismus beleben werde. Nach Angaben von ANSA will die Regierung auch in Brüssel Unterstützung für ihr Konzept locker machen.

Nach Berichten der Wirtschaftszeitung »Sole 24 Ore« handele es sich jedoch zunächst noch um ein »Unternehmen im Werden«, das noch nicht operativ sei. Grundidee sei, allmählich Teile der alten Alitalia in die neue Gesellschaft zu überführen. Es müsse auch mit einer Reduzierung der Flugzeuge gerechnet werden. Auch werde nach möglichen weiteren Investoren oder Partnern Ausschau gehalten. Zu erwarten sei ebenso ein Tauziehen der Regierung mit den Gewerkschaften.
Während in der faschistischen Allianz sich die Lega Salvinis zurückhält, kommt aus Berlusconis Forza Italia (FI) Kritik. Die Senatorin Anna Maria Bernini forderte eine »solide internationale Partnerschaft«, ohne die keine weiteren Gelder verschwendet werden dürften. Das soll wohl vergessen machen, daß Alitalia, die schon einmal eine staatliche Linie war, 2008 von der Regierung Berlusconis privatisiert wurde und ihr seitdem staatliche Beihilfen von sage und schreibe zehn Milliarden Euro zugeschustert wurden.

Eingeleitet wurde die jetzige Kehrtwende im März dieses Jahres von der Regierung Conte, die die traditionsreiche Fluglinie zum Unternehmen von »strategischer Bedeutung« erklärt und ihr von 25 Milliarden Euro, die die EU Italien als »Coronahilfe« zugesagt hatte, im Rahmen einer Verstaatlichung 600 Millionen zubilligte.

Das Eindringen von Billigairlines wie Ryanair oder Easyjet auf den italienischen Markt setzte Alitalia schwer zu. 2015 machte die Airline 200 Millionen Euro Verlust, ein Jahr später 460 Millionen. Ein Minus von weiteren 600 Millionen führte 2017 zum Konkurs. Der Ausbruch der Coronapandemie führte zum weiteren Geschäftsrückgang, der Alitalia schließlich den Rest gab. Vor Ausbruch der Corona-Pandemie zählte das Unternehmen noch rund 10.000 Beschäftigte und beflog mehrere hundert Strecken,
Bis dahin waren zahlreiche Versuche, einen privaten Käufer zu finden, gescheitert. Unter den Interessenten waren die staatliche italienische Eisenbahngesellschaft Ferrovie dello Stato, der Infrastrukturkonzern Atlantia, Betreiber der Autostrada d‘Italia, die US-amerikanische Fluggesellschaft Delta Air Lines und die deutsche Lufthansa. Den meisten ging es nur um Filetstücke. Die Lufthansa wollte nur durchsanierte Teile übernehmen.

2014 hatte die Fluggesellschaft Etihad Airways der Arabischen Emirate für 560 Millionen Euro 49 Prozent der Anteile übernommen und war Hauptaktionär geworden. Weitere Teilhaber waren italienische Investoren, darunter die Banken Unicredit und Intesa Sanpaolo. 2017 hatte Etihad zur Sanierung eine Kapitalerhöhung von zwei Milliarden Euro zugesagt, wollte dafür aber die Betriebskosten um eine Milliarde Euro senken, die Gehälter der Piloten um 20 Prozent und die des Bordpersonals um 32 Prozent kürzen sowie 2.000 Mitarbeiter des Bodenpersonals entlassen. Streiks der Alitalia-Belegschaft brachten die so angelegte »Sanierung« zum Scheitern und Etihad stieg aus.

Gerhard Feldbauer

Die Alitalia soll unter neuem Namen wieder durchstarten
(Foto: Christoph Schmidt/dpa)

Freitag 16. Oktober 2020