Ein Monument für die Revolution

John Reeds »10 Tage, die die Welt erschütterten«

»Da hab‘n die Proleten Schluß gesagt und die Bauern: es ist soweit – und hab‘n den Kerenski davongejagt und die Vergangenheit«: Das ist Peter Hacks‘ hervorragende Kurzfassung der Oktoberrevolution aus dem »Oktobersong«. Etwas mehr Platz hat sich da der US-amerikanische Kommunist und Journalist John Reed gelassen – knapp 400 Seiten füllt sein Bericht der 72 Jahre siegreichen sozialistischen Revolution. Und die sind gut gefüllt.

Warum jede und jeder dieses Werk im Regal oder zumindest auf dem Laufwerk haben und vor allem lesen sollte, steht direkt am Anfang: »Dies ist ein Buch, das ich in Millionen von Exemplaren verbreitet und in alle Sprachen übersetzt wissen möchte. Es gibt eine wahrheitsgetreue und äußerst lebendige Darstellung der Ereignisse, die für das Verständnis der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats von größter Bedeutung sind.«

Dieses Vorwort von Lenin, eins von Nadjeshda Krupskaja, unfaßbar viele Auflagen in zig Sprachen und rund 400 Seiten Eindrücke, Beschreibungen, Darstellungen von einem, der nicht pseudoobjektiv am Rande stand, sondern aktiv dabei war – das ist »10 Tage, die die Welt erschütterten«.

John Reed berichtete ab Mitte 1917 aus Rußland und war damit Zeuge sowohl der Zeit der provisorischen Regierung Kerenskis als auch der Erhebung der Oktoberrevolution. Diese Erfahrungen schildert er in seinem Bericht, dem zusätzlich Dutzende Resolutionen, Flugblätter, Befehle, Aufrufe und dergleichen aus den Anfängen der Revolution, angehängt sind. Durch Gängeleien der US-amerikanischen Behörden und die Angst vom Vergessen der lebhaften Eindrücke bedingt, schrieb John Reed laut Mitstreitern dieses Buch in ungefähr zwei Wochen. Selbst die Universität von New York sieht es in einem Ranking auf Platz 7 der besten US-amerikanischen journalistischen Werke des 20. Jahrhunderts.

Im Sturm der Oktobertage

Den Vorworten und Einleitungen folgen im Buch zunächst einige Definitions- und Erläuterungsversuche zu den Parteien in Rußland, den Massenorganisationen, den Gepflogenheiten und so weiter. Hier ist zwar nicht alles hundertprozentig genau, jedoch wird eindrucksvoll und gleichzeitig kompakt geliefert, was man zum Verständnis der folgenden Seiten braucht. Wie es alle guten Reporter oder auch Historiker tun sollten, stellt John Reed außerdem in kurzer Form die Hintergründe, die sozialen, ökonomischen und politischen Zustände des Rußlands der Zaren und Kerenskis dar – schon allein damit gelingt es ihm, der bürgerlichen Legende vom vermeintlichen antidemokratischen Putsch einer Minderheit Boden zu entziehen.

Das soziale Elend der Soldaten, der Arbeiter und Bauern, das verlogene Verhalten der Februarregierung – schon auf den ersten zwanzig Seiten ist klar: So kann es nicht weitergehen. Daß jedoch nicht der Putschist Kornilow, nicht die Opportunisten der Menschewiki oder der rechten Sozialrevolutionäre das Rennen machen würden, sondern das Bündnis der Arbeiter und Bauern – das hat wortwörtlich die kapitalistische Welt erschüttert.

Mit spürbarer Sympathie und Begeisterung schreibt John Reed, wie es so kam, schildert die Gefechte der Rotgardisten gegen die Vergangenheit, das Ringen der Bolschewiki (auch ihrer schwankenden, unzuverlässigeren Elemente wie Trotzki, Kamenjew und Sinowjew) mit den Kadetten, der schwankenden SPD (Entschuldigung, die Menschewiki) um die nicht immer gerade laufenden, doch immer mehr entschlossenen Massen Rußlands.

Journalistischer Klassenkampf

Mit Zitaten prominenter und weniger prominenter Stimmen räumt Reed in einem Handstreich mit den alten Lügen der leider im Großteil der Welt noch immer herrschenden Klasse auf, etwa wenn selbst ein Mitglied des konterrevolutionären »Komitees zur Rettung des Vaterlandes« zugibt: »Um die Wahrheit zu sagen, die Massen folgen zur Zeit den Bolschewiki. Wir können nicht eine Handvoll Soldaten auf die Beine bringen.« Und dies ist vielleicht eine der gewichtig­sten Rollen des Buchs für uns heute: Es kommen nicht nur die Revolutionäre zu Wort, sondern auch die Gegenseite, die sich mit ihren eigenen Worten von damals heute Lügen straft.

Doch auch abseits seiner propagandistischen Rolle, im positivsten Sinne des Wortes, ist dies eine hervorragende Reportage, die sich spannender als mancher Thriller liest – was als Kompliment gemeint ist, trotz der Thriller, die heute so als Bestseller gelten. Eine Genossin sagte über das Buch, daß man zwar den Ausgang kenne und doch mitfiebere: »Schafft es Lenin rechtzeitig?« Und recht hat sie – packender wurde wohl bisher keine Revolution der Geschichte geschildert.

John Reed zeigt klar, daß eine gute Reportage mehr ist, als nur eine fade Aneinanderreihung von Zahlen, Fakten und ein paar hübschen Metaphern, wenn er die Stimmung der Soldaten bei einem der wichtigen Gefechte gegen die Truppen der Reaktion beschreibt: »Sie wußten: Das hier war ihre Schlacht, hier kämpften sie für ihre eigene Welt, die Offiziere hatten sie sich selbst gewählt, und damit war aus dem zusammenhanglosen Hin und Her der unzähligen Einzelwillen ein einziger Wille geworden.«

So schön und so imposant liest sich die Revolution.

Max Meurer

Deutsche Ausgabe von »10 Tage, die die Welt erschütterten« von 1922, herausgegeben vom Verlag der Kommunistischen Internationale

Freitag 16. Oktober 2020