Armutsrisiko weiter auf hohem Niveau

Eurostat: Gesellschaftliche Ungleichheit in Luxemburg größer als in Nachbarländern. Sozialtransfers bewirken immer weniger

Schon vor der sich dieser Tage wieder verschärfenden Coronakrise befand sich das Armutsrisiko in Luxemburg weiter auf einem noch vor ein paar Jahren ungekannt hohen Niveau. Wie das EU-Statistikamt Eurostat mitgeteilt hat, waren im vergangenen Jahr 20,6 Prozent der Einwohner – also jeder Fünfte – von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Das ist nur ein Zehntelprozentpunkt weniger als 2018 mit 20,7 Prozent, jedoch ein großer Unterschied von über fünf Prozentpunkten zum Jahr 2008, als Eurostat zufolge erst 15,5 Prozent der Einwohner des Großherzogtums von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht waren.

Die vom Statistikamt gewählte Schwelle für die Armutsgefährdung lag den Angaben zufolge bei 60 Prozent des jeweiligen durchschnittlichen Haushaltseinkommens. Wer weniger Geld zur Verfügung hat, gilt als armutsgefährdet oder gefährdet, sozial ausgegrenzt zu werden, weil er nicht wie andere am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Wie die der Mitteilung entnommene Grafik zeigt, befand sich Luxemburg in Sachen Armutsgefährdung 2019 nur noch knapp unter dem Durchschnitt der 27-EU-Staaten (21,1 Prozent), aber zum Teil deutlich über seinen drei Nachbarländern (Belgien 19,5 Prozent, Frankreich 17,9 und Deutschland 17,4 Prozent).

Verbesserungen bei den Nachbarn

Besonders interessant ist der Vergleich mit 2008, dem von Eurostat gewählten Beginn der Betrachtung. Mit den genannten 15,5 Prozent befand sich Luxemburg damals noch zusammen mit den Niederlanden (14,9 Prozent Armutsgefährdete), Tschechien (15,3) und Dänemark (16,3) im EU-europäischen Spitzenfeld und jedenfalls noch weit von den mittlerweile überholten Nachbarländern entfernt: Im Jahr 2008 waren in Belgien 20,8 Prozent der Einwohner (also mehr als 2019) von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht, in Frankreich 18,5 Prozent (ebenfalls mehr als im vergangenen Jahr) und in Deutschland 20,1 Prozent, was einer Verbesserung um 2,7 Prozentpunkte entspricht.

Wie es in der Mitteilung weiter heißt, war im vergangenen Jahr »nach Sozialtransfers« noch immer mehr als jeder Sechste Einwohner (17,5 Prozent) von relativer Einkommensarmut bedroht. Damit lag Luxemburg einen Prozentpunkt über dem EU-Durchschnitt und noch deutlicher über seinen drei Nachbarn (Belgien und Deutschland 14,8 Prozent, Frankreich 13,6 Prozent).

Auch hier lohnt der Blick zurück: Nach Sozialtransfers waren 2008 erst weniger als jeder Siebte (13,4 Prozent) der Einwohner Luxemburgs von relativer Einkommensarmut bedroht. Auch in einer erst vergangene Woche vom nationalen Statistikamt veröffentlichten Studie heißt es, die in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgefahrenen staatlichen Sozialtransfers seien immer weniger geeignet, das Armutsrisiko zu senken. Wie der Statec berechnet hat, senkten die Umverteilungsmaßnahmen das Armutsrisiko in den Jahren von 2009 bis 2015 um jeweils elf bis 14 Prozentpunkte, im vergangenen Jahr hingegen nur noch um neun Prozentpunkte – demnach ist die Armutsgefährdungsquote 2019 nur noch von 26,5 Prozent auf 17,5 Prozent gesunken.

oe

Anteil der 2019 von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen in den EU-Staaten
(Grafik: Eurostat)

Montag 19. Oktober 2020