»Kritische Rohstoffe«

Sind Spezialmetalle das neue Öl? Maros Sefcovic, seinerzeit EU-Energiekommissar, machte sich im November 2018 durchaus Sorgen. Die Kommission richte ihre Aufmerksamkeit stark darauf, die Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffen zu verringern, äußerte er damals im Interview mit dem Onlineportal »Euractiv«. Gelinge das, dann werde man künftig andere Rohstoffe benötigen – solche, die für die ökologisch-digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft notwendig seien, für den Bau von Windrädern, E-Autos und einigem mehr.

»Wir müssen sehr gut aufpassen«, warnte Sefcovic, »daß die heutige Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wie Öl und Gas nicht durch eine Abhängigkeit von Lithium, Kobalt, Kupfer und anderen Rohstoffen ersetzt wird.« Geschehe das, dann würden Spezialmetalle tatsächlich »das neue Öl«.

Knapp zwei Jahre später, am 29. September 2020, hat Sefcovic, inzwischen als Vizepräsident der EU-Kommission für interinstitutionelle Beziehungen zuständig, offiziell die neue EU-»Rohstoffallianz« vorgestellt. Ihre Aufgabe ist es, die Voraussetzungen zu schaffen, daß die Rohstoffe, die die EU-Industrie für die Energie- und die Digitalwende braucht, stets in ausreichendem Umfang vorhanden sind. Klar scheint, daß neue indu­strielle Abhängigkeiten entstehen werden: Elektroautos brauchen kein Benzin mehr, dafür aber Lithiumbatterien; Windräder mögen Kohlekraftwerke ersetzen, für ihre Herstellung benötigt man allerdings seltene Erden. Da die kritischen Rohstoffe, Spezialmetalle etwa, überwiegend importiert werden, drohen aus den industriellen Abhängigkeiten politische zu werden – dies jedenfalls, wenn sich die globalen Konflikte verschärfen und die Beziehungen zu den Lieferländern leiden. Das aber ist bekanntlich der Fall.

Einen Überblick über die Lage sowie mögliche Handlungsoptionen hat die EU-Kommission in einem am 3. September vorgelegten »Aktionsplan« skizziert. Darin listet sie zunächst »kritische Rohstoffe« auf – diejenigen, die für die Industrie unverzichtbar sind, bei denen aber Versorgungsrisiken bestehen oder entstehen können. Beispiele: Kobalt wird zu 68 Prozent aus der Demokratischen Republik Kongo eingeführt, die seit vielen Jahren von Krisen und Bürgerkriegen erschüttert wird. Seltene Erden kommen zu 98 Prozent aus China; Bor, das die Halbleiterindustrie benötigt, wird zu 98 Prozent aus der Türkei eingeführt. Die Spannungen zwischen der EU und beiden Ländern nehmen zu, wenn auch aus vollkommen unterschiedlichen Gründen.

Die aktuelle Liste der »kritischen Rohstoffe«, die man dem EU-Aktionsplan entnehmen kann, umfaßt 30 Materialien: mehr als doppelt soviel wie im Jahr 2011, als die EU-Kommission erstmals eine solche Liste mit damals 14 Materialien publizierte. Diese rasch steigende Zahl ist vielleicht weniger ein Indikator für Sensibilitäten des industriellen Bedarfs als vielmehr für die stark eskalierende globale Rivalität.

»Strategische Partnerschaften«

Die EU-»Rohstoffallianz« (European Raw Materials Alliance, ERMA), die die Versorgung sichern soll, ist bei EIT Raw Materials angesiedelt. Das wiederum ist der – in Berlin ansässige – Rohstoffableger des European Institute of Innovation and Technology (EIT), einer EU-Einrichtung, die nach dem Vorbild des berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) als Innovationsmotor konzipiert wurde. Der EU-»Rohstoffallianz« anschließen können sich Unternehmen, Verbände, Forschungseinrichtungen und staatliche Stellen; bereits jetzt hat dies eine gut dreistellige Zahl an Organisationen getan. Aus Deutschland nehmen unter anderem der Kupferproduzent Aurubis, Siemens, Heraeus, einige kleinere Firmen, die Wirtschaftsvereinigung Metalle und das Fraunhofer-Institut für solare Energiesysteme an ERMA teil. Aus Frankreich sind Renault sowie das Wirtschafts- und Finanzministerium involviert, aus Italien Fiat-Chrysler. Mit Hyundai (Südkorea), dem US-amerikanischen Chemiekonzern Albemarle und einigen anderen sind auch außereuropäische Unternehmen dabei.

Konkret soll die ERMA Hindernisse in der Rohstoffversorgung identifizieren, Chancen für die Beschaffung entdecken sowie neue Investitionsmöglichkeiten eruieren. Als optimal gilt es dabei, Bodenschätze in der EU zu erschließen, weil dies Abhängigkeiten von außereuropäischen Ländern reduziert. Sofern sich Abhängigkeiten nicht vermeiden lassen, sollen Staaten der westlichen Welt als Lieferanten genutzt werden; explizit genannt werden im EU-»Aktionsplan« Australien und Kanada.

»Strategische Partnerschaften« beim Rohstoffbezug sollen außerdem mit einigen Ländern Afrikas und Lateinamerikas geschlossen werden; manche von ihnen – Chile, Brasilien und Guinea beispielsweise – sind traditionell bedeutende Lieferanten der EU. Interesse gibt es in der Union übrigens plötzlich auch an Ländern Südosteuropas, die dem Staatenkartell nicht angehören: Serbien etwa verfügt über ansehnliche Bor-Lagerstätten, Albanien über attraktive Vorräte an Platin. Zugriff auf sie hätte die EU selbstverständlich auch ohne eine serbische oder albanische EU-Mitgliedschaft gern.

Im ersten Schritt wird sich die »Rohstoffallianz« allerdings vorrangig den seltenen Erden und Magneten widmen. Dabei geht es nicht nur um die Rohstoffversorgung an sich, sondern auch um die Weiterverarbeitung: Die Wertschöpfungskette soll in Zukunft soweit wie möglich in der EU angesiedelt sein. Seltene Erden werden freilich nicht nur für den Bau von Windrädern benötigt, sondern auch für die Rüstungsproduktion. Ist bei den seltenen Erden ein Höchstmaß an »strategischer Autonomie« erreicht, dann wird sich die »Rohstoffallianz« auch anderen »kritischen Rohstoffen« zuwenden.

Die Nachfrage nach seltenen Erden wird bis 2050 mutmaßlich auf das Zehnfache steigen, die Nachfrage nach Kobalt auf das 15- sowie nach Lithium auf das 60-Fache. Der Bedarf der Industrie an »kritischen Rohstoffen« wächst enorm.

Lithium, Nickel und Schrott

Rohstoffe wieder stärker in der EU abzubauen, anstatt sie zu importieren: Das ist eines der Ziele, die die EU-»Rohstoffallianz« verfolgt. Ein Beispiel ist Lithium. Das Leichtmetall findet sich in nicht unerheblichen Mengen in der Bundesrepublik Deutschland, vor allem im Erzgebirge sowie am Oberrhein. Über große Vorräte verfügen aber auch Portugal, Spanien, Österreich (in Wolfsberg südwestlich von Graz) und Tschechien (bei Cínovec im Norden des Landes). Auch in Serbien werden große Mengen an Lithium vermutet; einige sprechen sogar von den größten Vorkommen in Europa. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton hat für Lithium überaus ehrgeizige Ziele gesteckt: Der europäische Kontinent verfüge über so umfangreiche Vorräte, daß man wohl schon »im Jahr 2025 bei Lithium für Batterien nahezu autark sein« könne, sagte Breton vor kurzem voraus.

Auch andere Rohstoffe sollen verstärkt in Europa bzw. in der EU gefördert werden. Der »Aktionsplan«, den die EU-Kommission am 3. September publiziert hat, schlägt zum Beispiel den Abbau von Nickel- und von Kobaltvorräten in der EU vor. Nicht selten fänden sich Lagerstätten in Regionen, in denen bisher Kohle abgebaut worden sei. Inwieweit sich die Planungen tatsächlich realisieren lassen, wird man abwarten müssen: Schließlich ist das Lohnniveau in den EU-Ländern deutlich höher als zum Beispiel im Kongo; kann man aber mit dem Weltmarktpreis nicht mithalten, dann hat die deutsche Exportindustrie ein Problem.

Eine Form von Rohstoffvorkommen wird freilich schon heute in der EU umfassend genutzt: Schrott. Der »Aktionsplan« der EU-Kommission legt großen Wert darauf, das Recycling nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern es soweit wie möglich auszubauen. Auch die EU-»Rohstoffallianz« hat eine Intensivierung des Recyclings längst im Visier. Dabei handelt es sich praktischerweise um einen Bereich, der auch gesellschaftlich wohl weitestgehend konsensfähig ist: Ressourcen wiederzuverwerten, um ihre schädliche Förderung zu vermeiden, dagegen spricht sich kein Umweltschützer aus.

Jörg Kronauer

Maros Sefcovic, Vizepräsident der EU-Kommission für interinstitutionelle Beziehungen, am 3. September bei einer Online-Pressekonferenz über die EU-»Rohstoffallianz«
(Foto: EPA-EFE/FRANCISCO SECO)

Dienstag 20. Oktober 2020