Pandemie verschärft Ungleichheiten

Eurostat: Junge Arbeiter in Coronakrise höherem Risiko ausgesetzt, entlassen oder auf Kurzarbeit gesetzt zu werden

In einer am Dienstag auf Englisch veröffentlichten Studie liefert das Statistik­amt der EU »erste experimentelle Ergebnisse zu den Auswirkungen von COVID-19 auf den Arbeitsmarkt«, insbesondere zur »Einkommenssituation der am meisten betroffenen Berufsgruppen«.

Demnach war das Risiko für junge Arbeiter im Alter von 16 bis 24 Jahren, im zweiten Trimester 2020 entlassen zu werden, fast dreimal so hoch wie für den Durchschnittsarbeiter in Luxemburg: Für die jungen Arbeiter lag es Euro­stat zufolge bei sechs Prozent und für den Durchschnitt bei etwas über zwei Prozent. EU-weit am höchsten sei das Entlassungsrisiko für junge Arbeiter im zweiten Trimester in Spanien mit über 18 Prozent, Portugal mit 14 und Irland mit 13 Prozent, am niedrigsten in Rumänien und den Niederlanden mit jeweils dreieinhalb Prozent sowie in Tschechien mit zweieinhalb Prozent gewesen. In den Nachbarländern Frankreich und Belgien (für Deutschland werden keine Angaben gemacht) lagen die Risiken für alle Arbeiter, entlassen zu werden, ähnlich hoch wie in Luxemburg, für junge Arbeiter aber lagen sie in Frankreich mit über zehn Prozent deutlich höher und in Belgien mit fünf Prozent etwas niedriger als in Luxemburg.

Einem deutlich höheren Entlassungsrisiko waren neben den jungen Arbeitern EU-weit Zeitarbeiter und schlechter ausgebildete Arbeiter in der Coronakrise ausgesetzt, schreiben die amtlichen Statistiker, während Arbeiter aus dem Horesca-Sektor am öftesten in Kurzarbeit geschickt oder »vorübergehend entlassen« worden seien. Entscheidend sei aber auch die Höhe des Einkommens: Das Risiko, auf Kurzarbeit gesetzt zu werden, habe im zweiten Trime­ster im EU-Durchschnitt bei den Niedriglöhnern bei mehr als 20 Prozent gelegen, während es bei den Beziehern mittlerer Einkommen bei 18 Prozent und bei den Besserverdienern bei weniger als 16 Prozent gelegen habe. Noch deutlicher sei der Unterschied beim Risiko, entlassen zu werden: Für die Niedriglöhner gibt Eurostat dieses mit fünf Prozent, für die Mitte mit drei und für die Topverdiener nur mit zwei Prozent an.

Die Werte für Luxemburg, die man sich auch hier aus den verlinkten Tabellen zusammensuchen muß, gibt Eurostat folgendermaßen an: Das Risiko, in Kurzarbeit geschickt oder »vorübergehend entlassen« zu werden habe für die Niedriglohnbezieher bei rund 19 Prozent, die Bezieher mittlerer Einkommen bei 14 Prozent und für die Bezieher hoher Einkommen bei nur zehn Prozent gelegen, das Risiko, entlassen zu werden, bei den Niedriglöhnern bei mehr als vier Prozent, bei den Schaffenden mit mittelhohen Einkommen bei zwei und bei den Besserverdienenden bei weniger als anderthalb Prozent.

Eurostat ging nicht darauf ein, daß die Pandemie offenbar auch die Lohnschere zwischen Männern und Frauen, die viel öfter teilzeitbeschäftigt sind und öfter in Bereichen arbeiten, die zwar zuletzt als »systemrelevant« bezeichnet wurden, aber dennoch weiter schlechter entlohnt werden, vergrößert oder zumindest offenhält. Auch die Betreuungspflichten dürften in der Coronakrise noch stärker als bisher auf öfter in Teilzeit arbeitende Frauen zurückfallen, weil Kinder in häusliche Quarantäne geschickt wurden oder weil »Homeschooling« gefordert ist.

oe

(Foto: Guillaume Horcajuelo/EPA-EFE)

Dienstag 27. Oktober 2020