Unser Leitartikel:
Eine Gesellschaft in der Krise

Vor dem heutigen Regierungsrat scheint sich die Corona-Lage hierzulande nicht nennenswert zu beruhigen. Zwar stagnieren die Zahlen der Neuinfektionen auf einem sehr hohen Niveau, doch steigt die Zahl der Todesfälle und die Rückverfolgung (»tracing«) von Infektionsketten scheint so ziemlich außer Kontrolle. Menschen werden aufgefordert, sich selbst zu isolieren und nicht auf den offiziellen Anruf zu warten. Den Erfahrungen aus den vergangenen Monaten folgend dürfte fraglich sein, ob sich viele Betroffene daran halten.

Im beginnenden Winter werden die hygienischen Maßnahmen zur kruzialen Strategie. Die Wirkung von Masken, Abstand und Handhygiene sind mehrfach bewiesen. Ihrer Umsetzung muß mehr Bedeutung und mehr Kontrolle zukommen als bisher. Daß nicht bereits viel früher im Jahr etwa eine flächendeckende Maskenpflicht im öffentlichen Raum angeordnet wurde, bleibt schwer zu verstehen. Gerade asiatische Länder, und dabei ist hier nicht allein von China die Rede, haben keine großen Diskussionen mit Wirrköpfen nötig, um Masken zu benutzen und Mitmenschen zu schützen.

Die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt Düsseldorf hat nun eine solche flächendeckende Maskenpflicht im öffentlichen Raum eingeführt, untermauert mit drakonischen Strafen: Bis zu 25.000 Euro können bei Nichteinhaltung fällig werden. Wir haben in dieser Krise gelernt, daß die Selbstverantwortung und Solidarität, auf welche die luxemburgische Regierung immer wieder setzt, offensichtlich keine brauchbaren Wege sind und empfindliche Geldstrafen leider deutlich effektiver.

Dabei sind die Bürger in Düsseldorf Befragungen zufolge in erster Linie froh, daß das Regel-Hickhack abnimmt, weil man weiß, woran man ist. Abgesehen davon ist es risikoreich, etwa beim Verlassen eines Geschäfts mit ungewaschenen oder undesinfizierten Händen den Mundschutz abzunehmen. Infektiöses Material kann haften bleiben, nachdem im Inneren vieles angefaßt wurde. Ständiges Aufsetzen und Abnehmen birgt also Risiken.

Wir befinden uns in einer Situation, in der man davon ausgehen muß, daß die Wahrscheinlichkeit, auf der Straße, in der Schule oder am Arbeitsplatz auf symptomlos infizierte, jedoch dennoch infektiöse Mitmenschen zu stoßen, wesentlich höher ist, als im Frühjahr, daß die Um- und vor allem Durchsetzung der Maßnahmen endgültig alternativlos ist, und die Nichteinhaltung entsprechend geahndet werden muß. Wer den Polizeibericht des vergangenen Wochenendes gelesen hat, weiß, daß hier viel zu tun bleibt.

Während in den Nachbarländern teils wesentlich strengere Maßnahmen zum Tragen kommen, scheint die hiesige Regierung dies zu scheuen, um sich nicht mit den Mächtigen der Wirtschaft anzulegen. Gleichzeitig sorgen die Zahlen in den Krankenhäusern für Zuspitzung und zeigen, daß dieses Land ein eklatantes Problem und der Ausbildung und Rekrutierung von medizinischem und anderem systemrelevanten Personal hat.

Dies nicht erst seit Corona, nur macht diese Gesundheitskrise es öffentlich. Eine nationale Strategie auf diesem Gebiet muß her, die insbesondere auch eine signifikante Reduzierung der Abhängigkeit von den Nachbarländern in den Fokus nimmt. Eine derart hohe Abhängigkeit vom Ausland in den systemrelevanten Bereichen stellt nicht mehr und nicht weniger die Souveränität eines Landes in Frage.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 5. November 2020