Unser Leitartikel:
L’union fait la force

Die hygienisch-organisatorische Handhabung der COVID19-Pandemie in den Schulen seitens des Unterrichtsministeriums hat für viele Kontroversen in den vergangenen Monaten gesorgt. Die Coronakrise hat ja sowieso eine ganze Reihe von »Spezialisten« hervorgebracht: Auf der einen Seite Negationisten und Verharmloser, die teilweise paranoide Ansichten verbreiten, auf der anderen Seite Coronaphobiker, denen keine Maßnahme und kein Eingriff in die Grundrechte weit genug geht – beide Gruppen sind wahnwitzig auf ihre Art und Weise und füllen die Kommentarspalten auf allen möglichen Internetkanälen mit ihrem ideologisch zutiefst kleinbürgerlichen Gekeife.

Das Wesentliche allerdings, das an sich alle Schaffenden vereinen müsste, nämlich der Kampf für soziale Rechte, bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne, Frieden und echte demokratische Mitbestimmung, geht derzeit etwas in der allgemeinen Kakophonie unter. Das tosende Gezeter wirkt ablenkend und bietet dem Kapital sowie seinen neoliberalen politischen Statthaltern viel Spielraum, um Gesetze oder ökonomische Kahlschläge in die Wege zu leiten, denen normalerweise größere Beachtung geschenkt werden müsste.

Dieses Szenario hat man in den vergangenen Wochen auch im Unterrichtswesen beobachten können. Während das Stufenplanmodell des Ministeriums seit Monaten öffentlich in der Kritik steht – dabei hat es sich dank der pädagogischen und logistischen Anstrengungen des technischen Personals, der Lehrer und der Direktionen bewährt: Schulen sind nämlich definitiv keine Infektionsherde – und die Diskussionen in der Presse kein Ende nehmen, hat die DP-LSAP-Déi-Gréng-Regierung gleichsam heimlich und leise versucht, zwei Gesetzesprojekte auf den Instanzenweg zu bringen, welche eine Vergabe der Direktionsposten an den Gymnasien mit Spezialausbildungen sowie an pädagogischen Instituten des Staats (SCRIPT, IFEN, CGIE) an sogenannte »Experten« aus dem Privatsektor ermöglichen sollen. Damit wären marktwirtschaftlichem Schulmanagement, Nepotismus und Klientelismus Tür und Tor geöffnet worden.

Zum Glück haben die Gewerkschaften das »Wesentliche« noch nicht aus den Augen verloren, allen voran SEW/OGBL und FEDUSE/CGFP, denn ihrer Aufmerksamkeit ist es zu verdanken, dass der liberale Bildungsminister Claude Meisch seine Gesetzesprojekte nicht wie geplant in dieser Woche im Schnellverfahren durchbringen kann. Der massive Druck sämtlicher Gewerkschaften hat den DP-Minister dazu bewogen, sein Privatisierungsvorhaben vorläufig zurückzuziehen.

Kalte Füße haben wohl auch die Koalitionspartner LSAP und Grüne bekommen, die sich zwar gerne medienwirksam als standhafte Verteidiger der öffentlichen Schule aufplustern, aber in regelmäßigen Abständen ihre »sozialdemokratischen Werte« bei Abstimmungen nonchalant über Bord werfen – ohne Drohkulisse hätte sich dieses Ritual auch diese Woche wiederholt.

Die Abwehr dieser Privatisierungsattacke der Regierung sollte sich indes auch als Lektion für die vielen Lehrergewerkschaften (insbesondere diejenige mit den meisten Sitzen in der CHFEP) erweisen: Die Einheitsfront im Arbeitskampf führt zum Erfolg! Anstatt dass jeder weiterhin sein eigenes Süppchen kocht, sollte in Zukunft zum Wohle aller Schüler und Lehrer öfters an einem Strang gezogen werden, nur so können kapitalistische Demontageversuche im Bildungswesen – wie auch auf allen anderen Arbeitsgebieten – unterbunden werden.

Alain Herman

Dienstag 17. November 2020