Prioritäten eines sozialistischen Landes

Das kubanische Gesundheitssystem gibt die Antwort auf die Coronapandemie. WHO hat zweiten von der Inselrepublik entwickelten Impfstoff registriert

In Kuba ist der Wahlsieg von Joseph Biden in den USA mit der Hoffnung aufgenommen worden, daß der künftige Präsident zu seinen Ankündigungen steht und zumindest einige der Sanktionen der jetzigen USA-Administration lockert, unter denen die Bevölkerung und die Wirtschaft Kubas inmitten der Coronapandemie besonders leiden.
Der sozialistischen Inselrepublik ist es bisher vergleichsweise gut gelungen, auch die »zweite Welle« der Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Das durch die umfassende USA-Blockade geschwächte staatliche Gesundheitssystem erweist sich trotz der damit verbundenen Sanktionen gegenüber den Einrichtungen anderer Länder als haushoch überlegen.

Während der nördliche Nachbar USA in der zweiten Hälfte dieser Woche bereits 11,5 Millionen mit dem Virus infizierter Menschen und mehr als eine Viertelmillion mit dem Virus Verstorbene registrieren mußte, meldete Kuba mit rund 11,2 Millionen Einwohnern am 18. November insgesamt 7.725 infizierte mit dem Coronavirus Personen, 131 Menschen verstarben im Zusammenhang mit dem Virus. In Kuba befanden sich am Mittwoch 391 Menschen wegen einer Corona-Infektion in stationärer Behandlung, die Krankenhäuser meldeten jedoch bei keinem der Patienten einen kritischen Zustand.

Auch gegenüber der mit einer Bevölkerung von 10,8 Millionen vergleichbaren Dominikanischen Republik auf der östlich von Kuba gelegenen Antilleninsel Hispaniola (129.645 Infizierte und 2.263 Verstorbene) oder dem mit 11,1 Millionen Einwohnern von der Bevölkerungszahl vergleichbaren deutschen Bundesland Baden-Württemberg (99.043 Infizierte und 2.110 Verstorbene) ist es Kuba gelungen, der Pandemie deutlich besser zu begegnen.

Alle Zahlen – das zeigen weitere Vergleiche – sprechen für das kubanische System. Die USA haben mit ihrer 328 Millionen zählenden Bevölkerung etwa 29 mal so viele Einwohner wie Kuba, verzeichnen bisher aber mehr als 1.350 mal so viele infizierte Menschen und – das scheint unglaublich – 1.824 mal so viele im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbene. Fakten, die von westlichen Medien und Politikern ignoriert oder zumindest kaum reflektiert werden. Dabei liegen die Gründe für Kubas Erfolg im Kampf gegen die unkontrollierte Ausbreitung der Erkrankung auf der Hand.

Seit dem Sieg der Kubanischen Revolution vor 60 Jahren gehört die gesundheitliche Versorgung der gesamten Bevölkerung zu den vorrangigen Prioritäten des sozialistischen Landes. Dazu zählen die Ausbildung einer ausreichenden Zahl von Medizinern, Pflegekräften und Laboranten, die Verlegung des Schwerpunktes auf Prävention, statt auf Behandlung von bereits Erkrankten und der Ausbau eines flächendeckenden Gesundheitssystems bis in den letzten Winkel des Landes. Seit Beginn der Pandemie gelingt Kuba eine konsequente Nachverfolgung der Infektionsketten.

Verpflichtende Schutzmaßnahmen, Maskenpflicht, temporäre Lockdowns, die Aufklärung der Bevölkerung und Vorsorge durch Medizinstudenten, die von Haus zu Haus gehen, und die – dank großzügiger Unterstützung aus China und anderen Ländern – zunehmenden Tests trugen dazu bei, daß sich das Leben in weiten Teilen des Landes inzwischen wieder normalisiert hat. Seit Ende Oktober kann Kuba sogar wieder ausländische Touristen empfangen und damit die durch USA-Sanktionen verursachten Einbrüche bei den Deviseneinnahmen zumindest etwas kompensieren.

Völlig ignorirt von den westlichen Medien ist zudem die Tatsache, daß Kuba bereits am 24. August als erstes lateinamerikanisches Land mit der klinischen Erprobung eines Impfstoffes gegen SARS-CoV-2 begonnen hat. Weltweit gehört die sozialistische Inselrepublik damit zu den ersten Staaten, die ein Vakzin in diese Phase gebracht haben. Die Ergebnisse der klinischen Erprobung des im Finlay-Institut entwickelten Serums mit der Bezeichnung »Soberana 01« hofft Institutsleiter Vicente Vérez bis Mitte Februar 2021 zu präsentieren. Am 4. November bestätigte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) offiziell den Beginn der klinischen Studien zu einem zweiten Impfstoffkandidaten mit dem Namen »Soberana 02«.

Damit stammen zwei der bislang 47 von der WHO weltweit registrierten Impfstoffe aus Kuba. Die staatliche biopharmazeutische Unternehmensgruppe Biocubafarma versicherte, ausreichende industrielle Fertigungskapazitäten aufzubauen, um »Millionen von Impfdosen zu produzieren, die zum Schutz unserer Bevölkerung erforderlich sind, sobald die Untersuchungen erfolgreich abgeschlossen sind«.

Auch bei der Therapie von Covid-19-Patienten zeigt ein kubanisches Medikament positive Wirkungen. Wie das Zentrum für Molekulare Immunologie (CIM) am Mittwoch in Havanna mitteilte, wurde das gemeinsam mit dem indischen Unternehmen Biocon entwickelte Mittel »Itolizumab« jetzt sogar für eine klinische Studie in den USA, Mexiko und Brasilien zugelassen. Kubanische Forschungen hatten ergeben, daß dieses Medikament den Krankheitsverlauf mildern und die Sterblichkeitsrate bei schweren Fällen senken kann.

Volker Hermsdorf

Auch während des Lockdowns im Oktober waren medizinische Helfer in den Straßen der Altstadt von Havanna unterwegs, um die Bevölkerung zu unterstützen (Foto: EPA-EFE/Yander Zamora)

Freitag 20. November 2020