»Eigentlich müßten die Alarmglocken läuten«

Explosion der Armut in Italien. Zahl der Ärmsten um 14 Prozent gestiegen

Nach einem Bericht der Caritas Italien führt die Corona-Pandemie zu einer bisher nicht gekannten Explosion der Armut in Italien. Laut Statistiken lebten 2019 etwa achtzehn Millionen Italiener in Armut und sozialer Ausgrenzung, davon fünf Millionen in »absoluter Armut«. In Süditalien, dem »Armenhaus« des Mittelmeerlandes, lag deren Monatseinkommen bei 554 Euro, was noch nicht einmal für eine einfache Wohnung reicht, vom Notwendigsten für das Essen ganz zu schweigen.

Diese Zahl ist, wie der Wohlfahrtsverband dieser Tage berichtete, »seit Beginn des Gesundheitsnotfalls (dem Ausbruch der Corona-Epidemie) um 14 Prozent angestiegen« und »die Zahl der Bedürftigen nimmt ständig zu«. Es sind Hunderttausende Arbeitslose, die ihren Arbeitsplatz verloren haben, viele von ihnen danach auch die Wohnung. Es sind Familien mit Kindern, die Schwarzarbeiter, deren Familien jetzt völlig mittellos dastehen. Sie vor allem bekommen die Folgen der jahrelangen Kürzung der öffentlichen Ausgaben und der Wohlfahrtsinvestitionen zu spüren.

Besonders hart trifft es die Obdachlosen, die ohnehin bereits aus der Gesellschaft Ausgegrenzten, die in den Slums dahinvegetierenden. Für sie ist es bitterster Hohn, wenn Quarantäne angewiesen wird, und sie »ihre Wohnung nicht verlassen« sollen.
Ihrem Schicksal widmete das »Manifesto« dieser Tage einen erschütternden Beitrag. »Eine Frau mit abgenutztem Gesicht, zerrissener Hose, mit einer Hand zieht sie die Kartons, mit der anderen hat sie einen Stapel Decken. Sie ist einer der Geister der Via del Corso, der Haupteinkaufsstraße im Zentrum von Rom, die seit einigen Monaten auch die Nachtresidenz für diejenigen ist, die kein Zuhause haben«.

Ihre Lage, so das linke Blatt, tauche in den Berichten über die Hilfsmaßnahmen der Regierung nirgends auf. Dabei werden seit Beginn des Notfalls »die Obdachlosen immer mehr«. Diese »Realität« werde jedoch ignoriert. »Sie schlafen nebeneinander an der Termini-Station (des Hauptbahnhofs), im Trastevere, am Eingang zur Via Nazionale und in der Nähe des Vatikans. Jedem Abend sind sie dort zu sehen.« Wie viele Menschen in Rom auf der Straße leben, sei jedoch nicht genau bekannt. Die von der Fünf Sterne-Bewegung (M5S) regierte Stadtverwaltung nenne keine Zahlen. »Manifesto« führt etwa 8.000 an, die Dunkelziffern werden jedoch viel höher eingeschätzt. Aber bekannt sei, daß weniger als 800 Plätze zur Verfügung stehen, und die wurden noch weiter reduziert.

Sie wären dem Verhungern und im einbrechenden Winter dem Erfrieren ausgesetzt, wenn nicht Hilfe, so beispielsweise vom Italienischen Roten Kreuz, käme. Dessen Gebietskomitees in Rom, Mailand, Catania, Palermo, Neapel und Benevento »haben seit Ausbruch der Pandemie im März bis heute ihre Aktivitäten für Obdachlose um sechs Prozent gesteigert und damit versucht, 48.455 von ihnen etwas zu helfen. Sie verteilen Mahlzeiten, Kleidung und medizinische Gesundheitsgeräte wie Masken und Desinfektionsgel. In einigen Städten wurde ein Bad- und Duschservices organisiert.«
Die Leiterin des Empfangsbereichs der Caritas Herberge in der Via Marsala in der Hauptstadt , Roberta Molina, äußerte, daß es immer mehr Menschen gibt, die auf der Straße leben und viele von ihnen »gesundheitlich besonders schwache Menschen sind«, was für das Gesundheitswesen auch ein »soziales Thema« sein müßte. Die Wohltätigkeitsorganisation habe »ein zusätzliches Zentrum an der Aurelia eröffnet«.
Zu den Hilfsorganisationen gehört die katholische Laien-Gemeinschaft Sant Egidio, die in der Hauptstadt seit dem ersten Ausbruch der Pandemie 30.000 Lebensmittelpakete verteilte, 3.500 in Palermo und 2.500 in Neapel. Sie unterhält Suppenküchen und kostenlose Essenausgaben. Engagiert ist auch eine Baobab-Vereinigung, eine Hilfsorganisation für Flüchtlinge, deren 300 Freiwillige etwa 9.000 Lebensmittelpakete verteilten.

Papst Franziskus hatte zum Welttag der Armen, dem 15. November, aufgerufen, sie nicht zu vergessen. In der Ambulanz unter der Kolonnade von St. Peter wurden Tupfer und Grippeimpfstoffe für die dort in den Schlafsälen anwesenden kostenlos zur Verfügung gestellt.

»Doch nun, am Vorabend der kältesten Monate des Jahres, nimmt die Angst um die Gesundheit der Obdachlosen zu, da die Aufnahmezentren, entweder schließen oder weniger aufnehmen«. heißt es in dem aufrüttelnden »Manifesto«-Artikel. »Eigentlich müßten die Alarmglocken läuten, um das Ausmaß der neuen Armut zu verstehen«. Aber dieses Thema stehe ganz unten auf der politischen Agenda, oder sei »gar nicht vorhanden«.

Gerhard Feldbauer

Die Hilfsorganisation »Progetto Arca« verteilt am 7. November am Hauptbahnhof von Mailand zusätzlich zu den Essensportionen auch Schlafsäcke und Toilettenartikel an Obdachlose
(Foto: EPA-EFE/MATTEO CORNER)

Freitag 20. November 2020