»Wirtschaft siegt über Gesundheit«

Debatte um erhöhte Lungenkrebsrate durch schadstoffreiche Produktion bei Tata Steel in den Niederlanden

Die Zahlen sind erschreckend: In der Umgebung des riesigen Stahlwerks von Tata Steel im niederländischen IJmuiden kam zwischen 2004 und 2008 Lungenkrebs 50 Prozent häufiger vor als im Landesdurchschnitt. Das geht laut der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung »Een Vandaag« aus einer vergangene Woche vorgestellten Statistik aus dem Zentralregister des niederländischen Krebszentrums IKNL hervor. Der Chef des IKNL, Thijs Merkx, zeigte sich selbstkritisch: »Ich gucke in den Spiegel und denke: Hätten wir die Bevölkerung und die Politik nicht eher alarmieren müssen?« fragte er.

Ob Tata Steel in IJmuiden für die hohe Zahl an Lungenkrebserkrankungen verantwortlich ist, kann nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. »Wir wissen in jedem Fall, daß Lungenkrebs unter anderem vom Rauchen kommt. Und wir wissen auch, daß indirekte Luftverschmutzung eine Rolle spielen kann«, sagte Merkx bei »Een Vandaag«. »Das muß erst genauer untersucht werden.«

Aber wer glaubt wirklich, daß in der Region um IJmuiden deutlich mehr geraucht wird als woanders in den Niederlanden? Der gesunde Menschenverstand sagt: Ein Stahlwerk, das giftige Schadstoffe in die Luft bläst und eine hohe Zahl an Krebskranken in der Umgebung – das kann kein Zufall sein. Der Hausarzt Luc Verkouteren, der seit 15 Jahren in IJmuiden praktiziert, wirkte bei »Een Vandaag« jedenfalls nicht überrascht von den Zahlen: »Sie bestätigen, was wir bereits wissen: Die Lungenkrebsrate in der Nähe des Werks von Tata Steel ist exorbitant.« Daran könne nicht alleine das Rauchen schuld sein. Auch Benzol oder polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) sind krebserregend. »Stoffe, die in großer Menge auf dem Terrain von Tata Steel freigesetzt und ungefiltert in die Luft ausgestoßen werden«, weiß Verkouteren.

Das kann auch Marianne Kramer bestätigen. Sie betrieb mit ihrem Mann ein Gartencenter in Beverwijk, eine Stadt mit gut 40.000 Einwohnern, die direkt an das Stahlwerk grenzt. Ihr Mann arbeitete zuweilen auch als Gärtner auf dem Werksgelände von Tata Steel. Wenn er nach einem solchen Arbeitstag nach Hause kam, konnte Frau Kramer ihm ansehen, wo er gewesen war. »Er hatte dann Ruß um seine Augen, Nase und Mund. Manchmal waren sogar seine Zähne schwarz«, erzählte sie in der Nachrichtensendung. Ihr Mann starb 2009 an Lungenkrebs.

Oder das Dorf Wijk aan Zee, das ein ansehnliches Strandbad an der Nordsee wäre – gäbe es da nicht das in Sichtweite gelegene Stahlwerk mit seinem gefährlichen sogenannten Graphitregen. Blei, Mangan und Vanadium rieseln aufs Dorf. »Autos, Bänke, Bäume und sogar die auf der Weide grasenden Pferde zieren eine glänzenden Schicht an der Oberfläche«, schrieb die Tageszeitung »Trouw« bereits 2018 in einer Reportage über das Seebad.

Eine Art Oberflächenreinigung organisiert Tata Steel: Autobesitzer können ihre Fahrzeuge auf Kosten des Konzern reinigen lassen. Einmal am Tag schickt der Stahlriese eine Putzkolonne nach Wijk aan Zee, um die Geräte auf den Spielplätzen abzuwischen. Wenn die Kinder weg sind, werden die Sandkisten mit einer Plane abgedeckt. An einem Wasserhahn können sich die Kleinen die Hände waschen, bevor sie sich etwas in den Mund stecken. Darum haben die Eltern zwei Jahre gekämpft.

Alle machen sich Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder. Einige wollen wegziehen, andere nur saubere Luft. »Tata Steel gehört zu Wijk aan Zee, und ich verstehe, daß es für viele Generationen ein guter Arbeitgeber war. Aber die Produktion muß viel nachhaltiger werden, damit man hier gesünder wohnen kann«, sagte eine Bewohnerin bei »Een Vandaag«. Tatsächlich wäre wohl das halbe Dorf arbeitslos, wenn Tata Steel das Werk aufgeben würde.

Das Stahlwerk ist das mit Abstand größte Unternehmen in der Region, das will die Regierung offenbar nicht vergraulen. Die Provinz Noord-Holland, zu der Beverwijk und Wijk aan Zee gehören, will zwar in Kürze einen Zukunftsplan für eine umweltverträglichere Stahlproduktion in IJmuiden vorlegen, aber Hausarzt Verkouteren ist skeptisch: »Die Politik hört auf Tata Steel und nicht andersherum.« Immer wieder erlaube die Politik dem Konzern, die Umweltvorgaben zu unterschreiten. »Wirtschaft siegt über Gesundheit«, schlußfolgert Verkouteren.

Gerrit Hoekman

Blick auf Tata Steel in IJmuiden (Foto: EPA-EFE/JEROEN JUMELET)

Dienstag 1. Dezember 2020