Unser Leitartikel:
Aufs jeweils schlechteste Pferd gesetzt

Nachdem die administrativen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie im Anschluß an die Weihnachtsfeiertage etwas verschärft wurden, verkündete RTL am Dienstag, was die Gesundheitsministerin Lenert und Premier Bettel in Anschluß bestätigten: Die Zügel werden lockerer gelassen. Schulen und Crèchen können wieder öffnen und auch nicht-essentielle Geschäfte, unter strengen Auflagen, wieder Kunden empfangen. Die Ausgangssperre wird durch das Zurückfahren von 21 Uhr auf 23 Uhr re-marginalisiert und auch Sportveranstaltungen mit bis zu 100 Zuschauern sollen, ohne Buvette, wieder möglich sein.

Während die Nachbarländer in der aktuellen Post-Feiertagssituation die Zügel in Erwartung der Fallzahlen aus diesem Zeitraum wieder anziehen, macht Luxemburg, ohne diese Zahlen abzuwarten, rasch wieder auf und man wird das Gefühl nicht los, daß diese Entscheidung zumindest den Einzelhandel betreffend erneut nicht virologisch begründet ist. Die »Solden« stehen nämlich vor der Tür. In der Hochburg des Konsumismus gehört diese Zeit zu den höchsten Feiertagen.

Immer wieder wird unterdessen an die Eigenverantwortung und die Solidarität der Menschen im Kampf gegen das Virus appelliert. Wer offenen Auges durch das Land geht, kann täglich sehen, daß es damit nicht (mehr) sehr her ist. Zwar waren die Bilder aus dem verschneiten Norden des Landes nicht so dramatisch, wie etwa aus dem deutschen Allgäu oder Sauerland, wo die Polizei Mühe hatte, für die Einhaltung der Maßnahmen zu sorgen, doch zeigt sich auch hierzulande eine verstärkte Corona-Müdigkeit, die immer mehr zum Verhängnis wird auf dem Weg zur Wiedererlangung der Freiheit. Nicht zu Unrecht zeigt sich etwa der saarländische Ministerpräsident Hans beunruhigt über diese Maßnahmen und bittet, sie zu überdenken.

Dieser Weg wird noch lang. Luxemburg setzt einzig auf die EU und verteidigt diesen Weg als den richtigen in Sachen Impfstoff, anstatt selbst aktiv zu werden, wie andere Länder. Auf die geschlossene Stärke der EU im Kampf gegen die Pandemie zu setzen war lange Zeit die einzige Möglichkeit für ein Land, daß sich in dieser Lage längst nicht mehr in der Position befindet, autonom zu handeln. Beispiel essentielle Arbeitskräfte: 67 Prozent des Personals im Krankenhaussektor kommen täglich aus dem Ausland. Luxemburg würde ohne die Lebensadern von außerhalb nicht mehr überlebensfähig sein in einer solchen Krise. Doch die von der EU propagierte Gemeinschaft, an welche sich Luxemburg klammert, ist ein lahmer Gaul, wie seit vergangenem März immer offensichtlicher wird.

Die Regierung in Luxemburg setzt in dieser Krise gern auf die jeweils klapprigsten Gäuler im Rennen:

Bei den Pandemie-Maßnahmen wird sich an der EU orientiert, um dann doch wieder eigene Sonderwege zu gehen, wenn es um eine frühzeitige Öffnung mitten im Winter geht. Einen Impfnachweis soll es auch nicht geben, obschon er wahrscheinlich EU-weit zukünftig nötig sein wird. Testresultate gab es lange Zeit nur auf Französisch und somit vorprogrammierte Scherereien im deutschsprachigen Ausland.

Nun droht dieser gewählte Sonderweg, erneut dafür zu sorgen, in der Großregion zum schwarzen Peter zu werden. Die Inkohärenz läßt für die kommenden Wochen nichts Gutes ahnen. Wer etwa den proppenvollen Findel vor Weihnachten gesehen hat und liest, daß Rückkehrertests weiterhin nicht obligatorisch bleiben, weiß, was gemeint ist.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Mittwoch 6. Januar 2021