Reifenkonzern Michelin will 2.300 Beschäftigte loswerden

Entlassungen trotz Milliardengewinn und staatlicher Corona-Hilfe. Streikaufruf der CGT massiv befolgt

Der Reifenkonzern Michelin hat in der vergangenen Woche für die Jahre 2021-2023 die Entlassung von 2.300 seiner heute noch 21.000 Mitarbeiter an den 15 Standorten in Frankreich angekündigt. Wie bereits berichtet, erklärte der Konzern, dies sei eine Konsequenz aus der bereits eingeleiteten umfassenden Umstrukturierung der Michelin-Werke im In- und Ausland.

Das auf die »Verschlankung« und die »erhöhte Wettbewerbsfähigkeit« der Betriebe ausgerichtete Programm sieht eine Steigerung der Produktivität um jährlich bis zu 5 Prozent vor und damit verbunden einen Abbau der Mitarbeiterzahl. Angeblich soll es jedoch möglichst keine »puren« Entlassungen geben. Etwa 60 Prozent des abzubauenden Teils der Belegschaft soll in den Vorruhestand gehen und durch Michelin-Zuzahlungen zur Rente »keinen finanziellen Nachteil erleiden«. Der Rest soll mittels »signifikanter« Abfindungen zur freiwilligen Kündigung bewegt werden. Das sei »das Familienunternehmen Michelin«, das sich von der Gründung im 19. Jahrhundert an und auch später »immer um ein gutes Firmenklima und ein einvernehmliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern bemüht« habe, seinem Ruf schuldig, erklärte der Vorstandsvorsitzende Florent Menegaux.

Doch diese Versicherung hat die CGT und weitere Gewerkschaften nicht davon abgehalten, umgehend nach Bekanntwerden der Abbaupläne zu einem 24-stündigen Proteststreik aufzurufen, der massiv befolgt wurde. Die Gewerkschaften verweisen darauf, daß Michelin seit 2017 in Frankreich bereits 1.500 Mitarbeiter entlassen sowie die Werke La Roche-sur-Yon in Frankreich und Bamberg in Deutschland komplett geschlossen hat. Seit 2009 habe Michelin in Frankreich vier Standorte aufgegeben und sieben in anderen europäischen Ländern.

»Der jetzt ohne Vorwarnung vorgelegte Sozialplan ist einer der größten in der Geschichte der Gruppe«, meint Jérôme Lorton vom Betriebsrat für die Gewerkschaft SUD. »Dabei läuft die Produktion auf vollen Touren und das Unternehmen hat im vergangenen Jahr 1,7 Milliarden Euro Gewinn verbucht.« Er fordert die Regierung auf, hier aktiv zu werden, zumal Michelin im vergangenen Jahr 12 Millionen Euro an staatlicher Hilfe für Corona-bedingte Kurzarbeit bekam.

Die jetzt geplanten Entlassungen betreffen insgesamt 1.100 Angestellte am historischen Firmensitz im zentralfranzösischen Clermont-Ferrand und in der Pariser Firmenfiliale, wo Straßenkarten und die berühmten Gastronomieführer »Guide Rouge« verlegt werden, als auch 1.200 Arbeiter in Clermont-Ferrand und den anderen über ganz Frankreich verteilten Produktionsstandorten. Von diesen Standorten soll allerdings keiner geschlossen werden. Weltweit verfügt Michelin über 117 Werke und Entwicklungszentren in 26 Ländern und beschäftigt 127.000 Mitarbeiter, davon 70.000 in Europa.

Die geplante und zum Teil bereits eingeleitete Umstrukturierung sei eine strategische Entscheidung angesichts der seit Jahren zu beobachtenden Entwicklung des internationalen Marktes für Reifen, wo die Konkurrenz aus China und Osteuropa mit Low-Cost-Angeboten »immer aggressiver« werde, sagte Firmenchef Menegaux. Diese Evolution und die dadurch notwendigen »strategischen Kursänderungen« waren schon 2019 im Rahmen einer umfassenden und gründlichen Weltmarktanalyse festgestellt worden, in die die Michelin-Direktion den Betriebsrat einbezogen hat und an der sich nur die Gewerkschaft CGT nicht beteiligte. Auf diesen Trend des Marktes müsse Michelin reagieren, meint Menegaux. Darum werde die Gruppe ihre Produktpalette »ausdünnen« und sich auf technologisch und qualitativ hochwertige, aber auch entsprechend teurere Reifen für Personenautos, Lastwagen, Traktoren und Baumaschinen konzentrieren sowie auf Flugzeugreifen, bei denen Michelin nach wie vor unangefochtener Weltmarktführer ist.

Dazu sagt der CGT-Betriebsrat Jean-Paul Cognet: »Michelin forciert die Deindustrialisierung in Frankreich und bemüht zur Begründung die Low Cost-Konkurrennz im Ausland, dabei war die Gruppe vor Jahren unter den er­sten, die immer größere Teile der Produktion in Billiglohnländer verlagert haben.«

Der Vorstandsvorsitzende Florent Menegaux versichert, Michelin werde den Großteil der durch die Restrukturierung eingesparten Mittel in die Qualitätssteigerung, in Forschung und Entwicklung sowie in Innovationen und neue Aktivitäten investieren. So plant Michelin, zusammen mit seinem Partner Faurecia, einer Gruppe für Zulieferteile und Baugruppen für den Automobilbau, mit dem bereits das Gemeinschaftsunternehmens Symbio gebildet wurde, Wasserstoffzellen für Elektroautos zu entwickeln und zu bauen. Dafür soll ein Werk in Saint-Fons in der Region Auvergne Rhône-Alpes entstehen, bei dem es sich um das erste in Frankreich handeln werde, das auf diese Innovationen spezialisiert ist. »Durch Neueinstellungen für diese und andere neue Aktivitäten wird Michelin mittelfristig wieder so viele Mitarbeiter hinzugewinnen, wie wir jetzt verlieren«, behauptet der Vorstandsvorsitzende Florent Menegaux.

Ralf Klingsieck, Paris

Beschäftigte von Michelin folgten am Donnerstag dem Streikaufruf ihrer Gewerkschaft CGT (Foto: Thierry ZOCCOLAN/AFP)

Montag 11. Januar 2021