Unser Leitartikel:
Säbelrasseln gegen Rußland und China

Der britische Imperialismus verfügt nach Angaben des auf britische Außen- und vor allem Kriegspolitik spezialisierten Enthüllungsportals »Declassified UK« derzeit über 145 Militärbasen in 42 Ländern. Damit ist das Netz britischer Militärstützpunkte nach dem der USA das zweitgrößte der Welt. Mit ihm kann London nicht nur seine militärische Präsenz in ehemaligen Kolonien in Afrika und Lateinamerika aufrechterhalten, sondern auch den Untergang der reaktionären Regime in Nahost noch etwas hinauszögern.

Die Recherche in nun freigegebenen Dokumenten bestätigt auch, daß USA- und britischer Imperialismus ihre Hauptfeinde in Rußland und in China sehen. Allein Britannien habe Militärbasen in fünf Ländern, die eine gemeinsame Grenze mit der Volksrepublik China haben, heißt es bei »Declassified UK«. Darunter sei die Marinebasis Sembawang im zum britischen »Commonwealth« gehörenden südostasiatischen Insel- und Stadtstaat Singapur, wo ständig britische Soldaten stationiert seien.

Von dort aus läßt sich die geostrategisch wichtige Straße von Malakka kontrollieren, die Andamanisches und Südchinesisches Meer mit der Straße von Singapur verbindet. Singapur sei ein »strategisch wichtiger Ort« für den Welthandel, hatte erst kürzlich das britische Militärministerium wissen lassen. Die meisten Polizeieinheiten des Stadtstaats würden von britischen Soldaten rekrutiert und dann von britischen Armeeveteranen kommandiert.

Auch im kleinen Sultanat Brunei verfügt der britische Imperialismus über eine Marinebasis direkt an den Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer – also sozusagen im Vorgarten der Volksrepublik. Der diktatorisch herrschende Sultan bezahlt sogar für die Militärpräsens, damit er sich im Sattel halten kann, zudem nennt der britisch-niederländische Ölkonzern Shell dort ergiebige Öl- und Gasfelder sein Eigen. Die freigegebenen Dokumente belegen sogar, daß die in Brunei stationierten britischen Soldaten zumindest in den 80er Jahren praktischerweise direkt auf einem Gelände des Konzerns untergebracht waren.

Während britische Offiziere in Australien und Neuseeland Zugang zu höchsten Militärkreisen haben, betreibt die britische Armee in Nepal, also an Chinas Westflanke und nah an Tibet, drei Stützpunkte. Als periphere Regionen mit Minderheiten haben Tibet und Xinjiang eine wichtige geopolitische Bedeutung. Entsprechend groß ist ihre Rolle in der westlichen Propaganda. Auch in Afghanistan und Pakistan sind nach wie vor britische Soldaten stationiert.

Überdies beteiligt sich das ehemalige Empire am NATO-Säbelrasseln gegen Rußland und ist in sechs Ländern jenseits des Ärmelkanals militärisch vertreten. So betreibt es allein in Deutschland vier Militärbasen, eine Helikopterstaffel im nur 500 Kilometer vom Hauptquartier der russischen Nordflotte entfernten nordnorwegischen Bardufoss und – noch näher an Rußland! – zwei Kampfjetstaffeln im Baltikum.

Zu diesen Erkenntnissen paßt, daß der britische Premier Johnson mitten in Coronakrise, die ja von der »Regierung Ihrer Majestät« ziemlich vergeigt wurde, angekündigt hat, das Militärbudget für 2021 bis 2024 um zehn Prozent oder 16 Milliarden Pfund zu erhöhen, wobei der Löwenanteil – sicher nicht zufällig – an die Royal Navy gehen soll. Auch den Ersteinsatz der »Queen Elizabeth« dürfte die Admiralität nicht dem Zufall überlassen haben. Der erste von zwei neuen Flugzeugträgern (Stückpreis: drei Milliarden Pfund) soll sich bald an einem US-amerikanisch-japanischen Manöver im Südchinesischen Meer beteiligen.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 13. Januar 2021