Leben am Limit

Der fünfte Corona Lockdown in weniger als einem Jahr fordert den Menschen im Libanon viel ab

»Der Prozeß, in dem die Welt sich von der Coronavirus-Pandemie erholt, bietet die Chance zu einem Kurswechsel«, erklärte UNO-Generalsekretär António Guterres am Montag vor einem Gipfeltreffen mit dem Namen »Ein Planet«. Jeder Einzelne solle mehr dazu beitragen, die Biodiversität und das Klima zu schützen, damit die Menschheit nicht länger im Konflikt mit der Natur lebe. Der Wiederaufbau könne nicht bedeuten, »zur alten Normalität zurückzukehren« betonte Guterres. »Kluge Politik und die richtigen Investitionen können in Zukunft allen Gesundheit bringen, die Wirtschaft wieder beleben und die Widerstandsfähigkeit stärken«, war auf dem Twitter-Account des UNO-Generalsekretärs zu lesen.

Für die Libanesen klingen solche Worte leider wie Hohn. Von Erholung ist in dem krisengeschüttelten Land keine Spur, Krise und Kriege seit Jahrzehnten haben die Widerstandsfähigkeit der Menschen bis an das Äußerste strapaziert. Nun sieht der kleine Staat in der Levante sich mit »extremer Gefahr« und einem enormen Anstieg von COVID-19-Fällen konfrontiert, wie es Interimspremier Hassan Diab am Montag ausdrückte. »Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß (....) wir entweder der Situation mit einem kompletten, strikten Lockdown begegnen oder wir werden mit einem libanesischen Modell konfrontiert, das gefährlicher sein wird, als das, was wir in Italien gesehen haben.«

Ausnahmezustand wird zur Normalität

Nur wenige Stunden später war die Entscheidung gefallen. Der Hohe Verteidigungsrat des Landes erklärte einen allgemeinen Ausnahmezustand, der bis zum Montag, 25. Januar 2021 anhalten und je nach Lage verlängert werden soll. Geschäfte, Schulen, Kindergärten, Sportstätten und Universitäten bleiben geschlossen, Fahrverbote wurden verhängt. Die Krankenhäuser müssen alle verfügbaren Betten für mögliche COVID-19-Patienten freihalten. Lebensmittelgeschäfte müssen geschlossen bleiben, dürfen aber Waren ausliefern.

Rund um die Uhr gilt eine komplette Ausgangssperre, die nur mit besonderer Begründung und für ausgewählte Berufsgruppen außer Kraft gesetzt werden kann. Der Internationale Flughafen von Beirut wird nicht, wie zuvor angenommen komplett geschlossen. Allerdings wird der Flugverkehr auf 20 Prozent des Verkehrs von Januar 2020 reduziert. Anders als von vielen erwartet, wurden nicht Flüge aus Britannien gestoppt, vielmehr sollen Reisende, die aus Bagdad, Istanbul, Adana, Kairo oder Addis Abeba einreisen, sich auf eigene Kosten für 7 Tage in einem dafür vorgesehenen Hotel in Quarantäne begeben. Bei ihrer Ankunft und erneut nach sechs Tagen müssen sie einen PCR-Test machen lassen.

Ausnahmen der strengen Maßnahmen gelten für Ministerien, medizinische und Sicherheitsdienste, für diplomatisches und UNO-Personal und natürlich für das Militär. Doch die Mehrheit der Bevölkerung muß zusehen, wie sie Strom, Wasser und die Miete bezahlen, wie sie Essen einkaufen und die Kinder versorgen sollen. Seit mehr als einem Jahr dauert schon die Wirtschafts- und Finanzkrise, in der die Libanesen ihre Ersparnisse und oft auch ihre Arbeit verloren haben. Bei der Explosion im Hafen von Beirut am 4. August 2020 haben Zehntausende das Dach über ihrem Kopf verloren und bis heute keinen Ersatz erhalten. Mehr als 400 Ärzte haben das Land verlassen, insgesamt sind laut offizieller Statistik mehr als 60.000 Personen ausgewandert.

Krank vor Sorge

Gleichzeitig mit dem Lockdown wurde die Erhöhung des Brotpreises verkündet. Die aus dem Irak kostenlos gelieferten Weizenvorräte seien zu Ende, hieß es lapidar dazu aus dem Wirtschaftsministerium. Auch Benzin und Medikamente könnten teurer werden, wenn die Subventionen des Staates für den Import dieser Güter gestoppt werden sollten. Proteste gegen die Preiserhöhungen und gegen die Schließung der Länden wurden nur vereinzelt gemeldet. Vor Lebensmittelgeschäften bildeten sich lange Schlagen.

Manch einer fühle sich krank schon vor Sorge, schrieb die englischsprachige Tageszeitung »The Daily Star« am vergangenen Wochenende. Kleinstunternehmer, die einen Schuh- oder Lebensmittelladen betrieben seien oft die einzigen, die Geld für ihre Familien nach Hause brächten. »Erst die Revolution, jetzt der Lockdown«, seufzte die 40-jährige Micha Kalfayan auf die Frage, wie sie dem fünften Lockdown entgegensehe. Vier Monate Einkommen habe sie 2020 schon verloren, sie wisse nicht, wie sie ihre Familie und die 84 Jahre alte Mutter über die Runden bringen solle.

Die angespannte Situation bringt die Menschen auch gegeneinander auf, wie exemplarisch der Streit in einer Familie über Untermieter zeigt. Die Familie hatte ein Zimmer an eine Syrerin und deren Tochter vermietet, doch man wisse ja nicht, welche Krankheiten die beiden in sich trügen, berichtete der Schwiegersohn der Familie im Gespräch mit der Autorin. Seine Schwägerin habe beide vor die Tür setzen wollen, aus der diffusen Angst, sich mit dem Coronavirus anstecken zu können. Doch seine Frau habe sich dafür eingesetzt, daß Mutter und Tochter bleiben sollten und habe sich durchgesetzt. Die beiden pflegten jetzt die kranke und alte Mutter.

Sehr viele Menschen erkranken, ohne daß sie in irgendeiner Statistik auftauchen, ist im Gespräch mit einem Kollegen zu hören. Allein in seiner Familie seien zwei Schwestern und deren Familien erkrankt, die aber nie in irgendeinem Krankenhaus registriert worden seien. »Niemand weiß, wie viele Menschen an oder mit dem Virus gestorben sind, weil sie allein leben, weil niemand sich um sie kümmert, weil sie kein Geld haben, um in ein Krankenhaus zu kommen.«

Alltägliche Provokationen Israels

»Wir sind müde«, sagt Hassan, der in einem Hotel in Beirut arbeitet. »Mehr als ein Jahr leben wir nun schon am Limit und wer weiß, ob es nicht doch noch einen Krieg gegen den Iran geben wird?« Die Sorgen der Bevölkerung werden genährt durch nahezu tägliche Überflüge israelischer Kampfjets, die den libanesischen Luftraum wie selbstverständlich für Spionageflüge, Angriffe auf das Nachbarland Syrien oder für Scheinangriffe in niedriger Höhe über abgelegenen Dörfern des Landes nutzen. Die libanesische Armee registriert die »Überflüge des Feindes«, die Regierung reicht Beschwerde beim UNO-Sicherheitsrat ein. Mehr kann das Land nicht tun, das nicht einmal über eine eigene Luftabwehr verfügt.

Die einzige Kraft, die den Israelis Paroli bieten könnte, wäre die Hisbollah, die über mehr militärische Möglichkeiten verfügt als die libanesischen Streitkräfte. Doch die schlagkräftige Truppe geht auf die israelischen Provokationen nicht ein – wohl wissend, daß Tel Aviv nur darauf wartet, um dann international um Hilfe zu schreien und erst recht das Feuer auf den Libanon zu eröffnen.

Andrea Tenenti, Sprecher der UNO-Friedensmission (UNIFIL), der »Blauhelme«, wies am Montag darauf hin, daß die Überflüge von Drohnen und Kampfjets der israelischen Armee massiv zugenommen haben. Sie verstießen gegen die UNO-Sicherheitsratsresolution 1701 sowie gegen die Souveränität des Libanon, betont der UNO-Diplomat. Tenenti forderte die Israelische Armeeführung auf, die Provokationen einzustellen. »Die anhaltenden Verletzungen erhöhen die Angst bei der lokalen Bevölkerung und unterlaufen unsere Anstrengungen, Spannungen abzubauen«, so Tenenti. Unbeabsichtigte Zwischenfälle könnten den Waffenstillstand brechen.

Karin Leukefeld, Beirut

Am Montag empfing Staatspräsident Michel Aoun (l.) den amtierenden Premierminíster Hassan Diab zu einem Krisengespräch (Foto: DALATI AND NOHRA/AFP)

Dienstag 12. Januar 2021