Provokation aus Ankara

Türkei räumt nach Abschuß von Kampfjet Luftraumverletzung ein – Damaskus spricht von »Versehen« – Aufständische greifen Militärstützpunkt an

Nach dem Abschuß eines türkischen Kampfjets durch die syrische Luftabwehr hat die NATO nach Artikel IV ihrer Charta für den heutigen Dienstag eine Sondersitzung einberufen. Die Sitzung wurde von der Türkei beantragt. Militärbeobachter vermuten, daß Ankara sich für einen eventuellen Gegenschlag der Rückendeckung der NATO versichern wolle.

Der F-4-Phantom-Kampfjet vom Stützpunkt Erhac bei Malatya war am Freitagmittag vom türkischen Militär zunächst als vermißt gemeldet worden, später bestätigte die syrische Luftwaffe, den Jet etwa eine halbe Seemeile vor der syrischen Küste »nach Regeln, die für solche Fälle gelten«, abgeschossen zu haben. Die Maschine sei im Tiefflug in den syrischen Luftraum eingedrungen und etwa fünf Seemeilen vor dem Dorf Um Al-Tuyour ins Meer gestürzt. Der Abschuß sei »ein Versehen« gewesen, sagte Jihad Makdissi, Sprecher des Außenministeriums in Damaskus. Syrien befinde sich »nicht im Krieg mit der Türkei«. Man habe nicht erkannt, daß es sich um ein türkisches Flugzeug handelte, und lediglich seine Souveränität verteidigt.

Die türkische Regierungsspitze äußerte sich nach dem Vorfall zurückhaltend. Präsident Abdullah Gül erklärte, bei Hochgeschwindigkeitsflügen komme es vor, daß der Luftraum von Nachbarstaaten für kurze Zeit verletzt wird. Das geschehe »nicht in böser Absicht, sondern wegen der Geschwindigkeit«. Außenminister Ahmed Davutoglu warf Syrien vor, die Maschine »ohne Vorwarnung« über internationalen Gewässern abgeschossen zu haben. Gleichzeitig räumte er ein, daß der Jet kurzzeitig in syrischem Luftraum geflogen sei. Es habe sich um einen Übungsflug gehandelt, die Maschine sei unbewaffnet gewesen. Das Wrack wurde am Sonntag in 1.000 Meter Tiefe geortet. Der Verbleib der beiden Piloten ist unklar.

Der iranische Außenminister Ali Akbar Salehi forderte sowohl Damaskus als auch Ankara zu »Zurückhaltung, Takt, Toleranz und Dialog« auf. Der britische Außenminister William Hague sagte, Großbritannien stehe für eine »robuste Aktion« im UNO-Sicherheitsrat bereit. Der deutsche Außenminister Guido Westerwelle begrüßte die »besonnene Reaktion« der Türkei. Ähnlich äußerte sich UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon. Der irakische Außenminister Hoschjar Sebari warnte vor einer Ausweitung der Krise auf die Nachbarländer. Die Fahnenflucht eines syrischen Luftwaffenpiloten nach Jordanien am Donnerstag und der Abschuß des türkischen Jets zeigten, daß der Syrien-Konflikt weitreichende Auswirkungen haben könnte.

Unterdessen gibt es weitere Hinweise auf massive Unterstützung der Aufständischen aus dem Ausland. Der britische »Guardian« veröffentlichte am Freitag den Bericht des Reporters John Densky, der in der besonders umkämpften syrischen Provinz Idlib bewaffnete Aufständische begleitet. Denksy beschreibt die gute Ausrüstung der Aufständischen, die sich vor kurzem noch die Gewehre geteilt und Munition hätten sparen müssen. In der von Aufständischen eingenommenen Grenzstation Altima beobachtete Densky die Übergabe von Geld und Waffen.

Unbestätigten Berichten von »Aktivisten« zufolge sollen bewaffnete Aufständische am Sonntag einen Militärstützpunkt in der Provinz Aleppo eingenommen und 16 Soldaten getötet haben. Offiziellen syrischen Angaben zufolge sind seit dem 20. Juni mindestens 189 Soldaten, Sicherheitskräfte und Zivilisten getötet worden. Ein Freiwilliger des Syrischen Arabischen Roten Halbmonds wurde in Deir Al-Sur erschossen.

Karin Leukefeld

Dienstag 26. Juni 2012