Liquidierungsmodell
Gerhard Feldbauers Buch über das Fast-Verschwinden der italienischen Linken
Vor einigen Jahren meinte der Politikexperte Georg Fülberth auf einem Forum launig, Italien habe der Menschheit mindestens drei große Erfindungen geschenkt: die Oper, die Mafia und Berlusconis System – »Auflösung aller Parteien und Regieren per Fernsehen«. Dieser vorläufige Endpunkt bürgerlich-parlamentarischer Machtausübung, der mit dem von Berlin und Paris erzwungenen Abgang des rechtsextremen Ministerpräsidenten im November 2011 nicht überwunden ist, hat eine Vorgeschichte. Sie läßt sich nun in Gerhard Feldbauers Buch »Wie Italien unter die Räuber fiel. Und wie die Linke nur schwer mit ihnen fertig wurde« nachlesen.
Der Autor zeigt, die Fakten akribisch auf eine historisch-materialistische Weise zusammenfassend, wie eine in der Bevölkerung stark verankerte oder sogar deren Mehrheit repräsentierende linke Bewegung in einem westeuropäischen Land geschwächt und praktisch liquidiert wird. Das dauert einige Jahrzehnte, es gibt ein Auf und Ab. Innerhalb des großen einheimischen Kapitals wechseln die taktischen Positionen (Teile des Großkapitals unterstützen schon mal zeitweilig die Kommunisten gegen Konkurrenten aus USA und EU), aber die strategische Grundlinie bleibt konstant. Insofern wäre den von Fülberth genannten Innovationen noch eine weitere hinzuzufügen.
Denn in Italien hat es vorläufig geklappt: Bei den Parlamentswahlen im Frühjahr 2008 erlitt die Linke eine historische Niederlage, die – wie Feldbauer im ersten Satz seines Buches schreibt – »in einer bis dahin nicht deutlich gewordenen Weise deren tiefe Krise« markierte. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte des Landes waren Kommunisten, Sozialisten – und mit ihnen die Grünen – nicht mehr im Parlament vertreten. Der Autor geht den »Wurzeln des Übels« nach und untersucht in sieben Kapiteln vor allem die Geschichte der Kommunistischen Partei (PCI).
Zwei entscheidende Punkte stellt er heraus: die »ausgefallene Revolution« am Ende des Zweiten Weltkrieges und die »Klassenzusammenarbeit« unter dem Titel »Historischer Kompromiß« in den 70er Jahren. Sie leitete – lange vor der »Liquidierung« (Domenico Losurdo) der PCI 1990 – den raschen Niedergang der gesamten Linken ein. Aus der Sicht Feldbauers unterschätzten die PCI und die Linke generell 1945 das »Fortbestehen des Faschismus«, das mit der Gründung einer entsprechenden Partei im Sommer jenes Jahres sichtbar wurde, und die Bereitschaft vor allem der Democrazia Cristiana (DC), sich auf diese Kräfte zu stützen. Diese Fehleinschätzung hätte sich auch auf die USA bezogen, die im Kampf gegen Nazideutschland Verbündete gewesen waren.
Ungeachtet der mehrfachen Drohung mit einem faschistischen Putsch, ungeachtet der von den USA und der NATO gesteuerten »Strategie der Spannung« mit von Geheimdiensten gelenkten Attentaten und massenhafter Aburteilung »linksextremer« Aktivisten, verdoppelte die PCI in den folgenden Jahrzehnten ihren Stimmenanteil. Sie erreichte schließlich 1976 33,8 Prozent bei den Parlamentswahlen. Die Taktik des damaligen PCI-Vorsitzenden Enrico Berlinguer, gegen die anwachsende faschistische Gefahr ein breites Bündnis unter Einschluß der DC zu bilden, bezeichnet Feldbauer als »richtigen Ausgangspunkt«. Allerdings seien »für die in Aussicht gestellte Aufnahme in die Regierung und die – niemals eingehaltenen – Versprechen, gewisse soziale und ökonomische Reformen einzuleiten« »fundamentale Klassenpositionen aufgegeben« worden.
Die PCI erklärte u.a. allen Ernstes, die NATO eigne sich unter bestimmten Voraussetzungen als »Schutzschild« eines italienischen Weges zum Sozialismus. Der Autor vertritt die These, die PCI habe ihren Bündnispartner, den DC-Vorsitzenden Aldo Moro, 1978 »dem Tod ausgeliefert«, und belegt sie schlüssig. Ihre Unterstützung für die reaktionäre Regierung des Mafia- und Faschistenkonfidenten, des Moro-Gegners Giulio Andreotti, bedeutete zugleich, wenn man so will, ihr eigenes Todesurteil.
Dem Autor bleibt in den letzten Kapiteln nur, die zahlreichen Spaltungen der PCI und der Linken insgesamt bis in die Gegenwart zu schildern. Nach seiner Auffassung existiert aber immer noch »eine entscheidende Grundlage, eine Wende der Linken herbeizuführen: Die Kampfkraft ihrer Basis, die zwar geschwächt, aber nicht gebrochen ist«. Allerdings gibt er diesem Abschnitt richtigerweise den Titel: »Verlorenes Terrain gewinnt man schwer zurück«. Auch in dieser Hinsicht enthält Feldbauers Buch Lektionen, die höchst aktuell und gültig sind.
Arnold Schölzel
Donnerstag 28. Juni 2012
