Unser Leitartikel:
Von Hunden und Menschen
Lange vor, während und auch nach der rezenten Fußball-Europameisterschaft waren die armen Hunde von Donezk auf allen Internetplattformen und in aller Munde jener, die ihre ganze Energie nach Feierabend den Vierbeinern und ihren Schicksalen widmen.
Die teils manipulierten Photos von grausam zugerichteten Straßenhunden sollten Herzen erweichen und Zorn auf das EM-Gastgeberland schüren. Mit derartigen Methoden wurde bereits vor den Olympischen Spielen in China das Internet überschwemmt. Viele gutherzige Menschen, die sich mit Buddha, dem Lama und anderem esoterischen Krempel alltäglich volldröhnen, sind dafür sehr empfänglich. Unermüdlich werden Flyer gedruckt, Einladungen verschickt und irgendwelche Aktionen geplant. Viele dieser Zeitgenossen verschießen so ihr ganzes Pulver auf ein Ziel, ohne zu erkennen, daß sie sich an Nebenschauplätzen austoben.
Am Mittwoch endete der »schwarze Marsch« der Bergarbeiter aus den Kohlerevieren Spaniens im Zentrum der Hauptstadt Madrid. Nach bewegenden Szenen der Solidarität durch abertausende Menschen kam es, wie es kommen mußte: Provokationen der hochgerüsteten Riot Police führten zu den TV-gerechten Ausschreitungen, bei denen die »Ordnungskräfte« mit äußerster Brutalität gegen Männer, Frauen, Kinder und sogar Menschen im Rollstuhl vorgingen, während drinnen Premierminister Rajoy die von Brüssel gelobten, neuen Austeritätsmaßnahmen verkündete, mit denen auf Kosten des Sozialstaates die Banken gerettet werden sollen.
Doch wo blieb der Aufschrei, wie wir ihn beim sogenannten »Hundemassaker« erlebt haben? Kein pausensloses Zumüllen der sozialen Netzwerke mit blutigen Bildern gemarterter Tiere, sondern rein gar nichts. Wo das Tierrecht über allem steht, kann eben das Menschenrecht nur zweiter sein, da kann ein junges Mädchen, das soeben von Polizeiknüppeln traktiert wird, noch so gequält in die Kamera gucken, sie ist eben kein Hund.
Zugegeben, etwas drastisch formuliert, trifft es die Sache aber im Kern. Kaum eine Reaktion riefen die Vorkommnisse an der Puerta del Sol und in anderen Orten Spaniens hervor. Ist man bei Hundebildern blitzschnell investigativ im Internet unterwegs, scheint man sich in solchen Fällen mit den vorgekauten Fernsehbildern und Schlagzeilen zufriedenzugeben, die einige Gewaltszenen zeigen und teils behaupten, die Polizei sei angegriffen worden.
Vielleicht aber steckt ein anderer Grund dahinter. Vielleicht ist es das Bewußtsein, mit einem Hundeprotest sein Engagement zeigen zu können, ohne am Lack des Systems zu kratzen, dessen Entfernung mit Ungewißheit über all die Bonbons einhergehen könnte, die man verteilt bekommen hat, um den Mund zu halten. Einzusehen, daß dies aber eine Sackgasse ist, braucht seine Zeit oder geschieht manchmal nie. In einer gerechteren Gesellschaft aber wäre auch Platz für einen gerechteren Tierschutz, oder nicht? Wer die Flora und Fauna, die Umwelt, schützen will, muß zunächst einmal die menschlichen Weichen dafür stellen.
Christoph Kühnemund
Christoph Kühnemund : Freitag 13. Juli 2012
