Unser Leitartikel:
Profit durch Verlängerung der Arbeitszeit

Ab sofort und bis zum 19. August haben die Beschäftigten Kollektivurlaub. Während der nächsten drei Wochen wird die Arbeit auf den Baustellen für alle Bauarbeiter der Hoch- und Tiefbaubranche sowie für die Handwerker in den Bereichen Heizungsbau, Klimatechnik, Sanitärwesen und Stuckatur ruhen. Hinzu kommen die Sommerferien für viele Dachdecker, Elektriker, Maler und Schreiner, für die allerdings keine einheitliche Regelung gilt.

Nicht alle der mehr als 500 Betriebe und knapp 17.000 Arbeiter, darunter mehr als die Hälfte portugiesische Arbeitsemigranten, werden jedoch kollektiv Urlaub machen, denn eine Reihe Unternehmen holten sich bei der Gewerbeinspektion Sondergenehmigungen, welche gewährt werden, wenn zum Beispiel Arbeiten in Schulen oder Krankenhäusern anfallen oder dringende Reparaturarbeiten am Autobahnnetz erfordert sind.

Mit dem Kollektivurlaub ist der Konflikt zwischen den Bauarbeitern und ihren Gewerkschaften einerseits, und den Besitzern der Bauunternehmen andererseits, um wenige Wochen aufgeschoben, nicht aber aufgehoben.

Auslöser der Auseinandersetzung war der seit Jahrzehnten größte Angriff der Bauunternehmer auf die Arbeitsbedingungen und kollektivvertraglichen Errungenschaften der Bauarbeiter.

Um ihre Profite in der Krise zu halten oder sogar weiter zu erhöhen, will das Patronat die Wochenarbeitzeit auf 52 Stunden und die Tagesarbeitszeit bis auf 12 Stunden verlängern, so dass der Samstag als ganz normaler Arbeitstag eingeführt würde.

Bereits heute existiert die gesetzliche 40-Stunden-Woche im Bauwesen eigentlich nur noch auf dem Papier, da die patronatsfreundliche Politik der Regierung es den Unternehmen erlaubt, bis zu zwei Stunden zusätzlich am Tag und bis zu acht zusätzliche Stunden in der Woche zu arbeiten. In den Betrieben, in denen die Gewerkschaften schwach sind, gibt es oft noch längere Arbeitszeiten.

Die Gewerkschaften machen zu Recht geltend, dass eine Arbeitszeit von 52 Stunden in der Woche die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bauarbeiter generell deutlich verschlechtern würde, ganz zu schweigen davon, dass dies bedeutend größere Gefahren in den Bereichen Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz heraufbeschwören würde.

Da die Unternehmer allerdings stur an der Forderung einer Arbeitszeitverlängerung festhalten, befassten die Gewerkschaften inzwischen das nationale Schlichtungsamt, das bekanntlich mit der gesetzlichen Einschränkung des Streikrechts eingeführt wurde, um Arbeitskämpfe zu verhindern.

Ob das eine Lösung des Konflikts bringen wird, oder ob ein größerer Arbeitskampf erfordert sein wird, um diesen Angriff auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bauarbeiter abzuwehren, wird sich im Herbst zeigen.

Jedenfalls sollten nicht nur die Bauarbeiter, sondern auch die Schaffenden aus anderen Wirtschaftsbereichen diese Entwicklung aufmerksam verfolgen. Denn überall dort, wo das Patronat seine Profite nicht über die Aneignung eines immer größeren Anteils der Resultate der Produktivität machen kann, wird es versuchen, das über die Ausdehnung der Tages- und Wochenarbeitszeit zu erreichen, »weil in gleichem Maße die Mehrarbeit und folglich der daraus resultierende Profit vermehrt wird.«

Diese Erkenntnis, die Karl Marx in seinem Werk »Lohn Preis und Profit« niederschrieb, hat auch fast 150 Jahre später nichts an ihrer Gültigkeit verloren, wie die Haltung der Bauunternehmer gegenwärtig vor Augen führt.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Sonnabend 28. Juli 2012