Hoffen auf Heuschrecke
Durch die Pleite der deutschen Drogeriemarktkette Schlecker haben in ihrem Stammland mehr als 25.000 Menschen seit Jahresbeginn ihre Arbeit verloren. Bei der Konzerntochter Schlecker-XL findet derzeit der Ausverkauf statt, Ende August sollen alle 360 Märkte endgültig geschlossen werden. Deshalb hält sich die »Hoffnung für Schlecker Luxemburg«, die das Bistumsblatt gestern auf der ersten Seite seines Wirtschaftsteils herbeiredete, in Grenzen.
Weniger hoffnungsvoll sind denn auch die Gewerkschaften OGBL und LCGB gestimmt, nachdem am Dienstag bekannt wurde, daß der österreichische Private-Equity-Fonds Tap 09 die insgesamt 1.350 Schlecker-Filialen in Österreich, Italien, Polen, Belgien und Luxemburg gekauft hat, um sie eigenen Angaben zufolge unter dem neuen Markennamen »daily« zu einer Nahversorgungskette umzubauen. Während die Pressemitteilung des OGBL mit »Schlecker: Ist die Zukunft der luxemburgischen Filialen gesichert?« überschrieben ist, titelte der LCGB mit der Frage: »Endlich: Ende der Irrfahrt in Aussicht?«
Noch zurückhaltender gibt sich die österreichische Gewerkschaft GPA-DJP, deren Bereichssekretär Manfred Wolf erklärte: »Was das angekündigte neue Geschäftskonzept mittel- und langfristig für die Unternehmensstruktur und die Beschäftigten bedeutet, das können wir zur Stunde nicht sagen. Wir sind gerade dabei, den Kontakt mit dem neuen Eigentümer aufzunehmen, um genau diese und andere wichtige Fragen zu klären.«
Auch der LCGB hat eine Dringlichkeitssitzung angefragt, »um die konkreten Auswirkungen auf den Luxemburger Standort mit den Verantwortlichen diskutieren zu können«. Dabei dürfte die berufliche Zukunft der hierzulande rund 120 Mitarbeiter, die sich auf 28 Drogeriemärkte verteilen, im Mittelpunkt stehen. Angesichts der Ankündigung des neuen Eigentümers, nur 4.600 der rund 5.000 Beschäftigten »eine Weiterbeschäftigung anbieten« zu wollen, könnte es auch in Luxemburg zu Entlassungen kommen.
Denn aus Sicht betroffener Beschäftigter und Betriebsräte sind Private-Equity-Gesellschaften, die mit gepumptem Kapital Unternehmen zunächst aufkaufen, dann aussaugen, schließlich filetieren und sich zum Schluß mit sattem Gewinn aus dem Staub machen, ein Synonym für Lohnkürzung und Personalabbau.
In einem Anflug von Erkenntnis hatte der damalige SPD-Bundesvorsitzende Franz Müntefering Gesellschaften wie Tap 09 im Frühjahr 2005 als »Heuschrecken« bezeichnet. »Wir müssen denjenigen Unternehmern, die die Zukunftsfähigkeit ihrer Unternehmen und die Interessen ihrer Arbeitnehmer im Blick haben, helfen gegen die verantwortungslosen Heuschreckenschwärme, die im Vierteljahrestakt Erfolg messen, Substanz absaugen und Unternehmen kaputtgehen lassen, wenn sie sie abgefressen haben«, hatte Müntefering damals erklärt.
Tap 09, hinter dem der österreichische Unternehmensberater Rudolf Haberleitner steht, bezeichnet sich auf seiner Internetseite als von Banken und Finanzmärkten unabhängige »Turnaround Plattform«, deren Ziel der günstige Erwerb »von Mehrheitsbeteiligungen an Substanzunternehmen mit aktuellen Liquiditätsproblemen« sei. Reichen Investoren – die Mindesteinlage beträgt 150.000 Euro bzw. 200.000 Euro für Anleger aus Deutschland – verspricht Haberleitner eine Rendite von »> 20 Prozent p.a. inkl. einer laufenden Verzinsung in der Höhe von 3 Monats-Euribor + 300 BP«.
Angesichts derart überzogener Renditeerwartungen sollten die Salariatsvertreter alle Hoffnungen begraben und sich auf heftige Abwehrkämpfe einstellen.
Oliver Wagner
Oliver Wagner : Donnerstag 2. August 2012
