Unser Leitartikel:
Gefährliche Billigheimer
Als das Mittelstandsministerium vor kurzem nach langer Herumdruckserei damit herauskam, daß man vorhabe, einer Billigfluglinie bei ihrer Installation am Findel keine Steine in den Weg legen zu wollen, schrillten beim OGBL zu Recht die Alarmglocken. Seit einiger Zeit schon brodelte es in dieser Richtung, und die Gewerkschaft hatte den verbrannten Geruch bereits in der Nase, als noch nichts davon zu hören war. Gegen ihre Position gegen eine Billigfluglinie, die kollektivvertraglich abgesicherte Arbeitsplätze bei Luxair und auf dem Flughafen gefährden würden, wußte man medial natürlich den beim Fluggast immer gern genommenen Appetitmacher breitzutreten, wie flott es doch wäre, billig zum »Shopping« nach London zu »jetten«. Billig schon, aber eben wieder auf Kosten der anderen.
Diese anderen, die Beschäftigten, spielen in den individuellen Reisegelüsten beim Reisebudget freilich keine große Rolle, und auf dem Flug zum Traumziel wird auch kaum ein Gedanke an die Arbeitsbedingungen des Personals an Bord verschwendet, man will sich ja schließlich die Laune nicht verderben. Zugegeben: Es ist schon verlockend, für einen Bruchteil des Preises seriöser Anbieter durch Europa zu fliegen, und es ist nur menschlich, da schwach zu werden. Der technische Fortschritt wird jedoch, wen wundert’s, einseitig zur Profitmehrung eingesetzt und nicht etwa zur Verbesserung von Umwelt- und Arbeitsbedingungen. So kommt es, daß der beliebte Billigflieger aus Irland mit immer neuen Skandalen aufwartet, die Michael O’Leary, Boß des Unternehmens, sich ausgedacht hat.
Mal wird laut drüber nachgedacht, Geld für die Toilettenbenutzung an Bord zu verlangen oder Stehplätze einzuführen, mal werden Angestellte gefeuert, die gewerkschaftlich organisiert sind und ein anderes mal werden Linien gestrichen, wenn das Arbeitsrecht des Ziellandes es doch mal wagt, den Billigflieger an die kurze Leine zu nehmen. Diesen Wahnsinn läßt sich das Unternehmen dann auch noch mit Steuergeldern finanzieren, denn es streicht massive Subventionen der jeweiligen Regionalflughäfen ein, damit es diesen die Ehre erweist und sie anfliegt. Wer den Wünschen nicht Folge leistet, steht ganz schnell vor dem Aus, weil Ryanair nicht selten die einzige Fluggesellschaft am Platze ist.
Ganz neu ist aber, daß die Knallhartkalkulation des Unternehmens bei Funktionskosten soweit geht, Fast-Abstürze in Kauf zu nehmen, weil die Kerosinmenge nicht für eine Warteschleife über dem Zielflughafen ausreicht. So geschehen Ende Juli in Spanien, als drei Maschinen von Madrid nach Valencia umgeleitet wurden und notlanden mußten. Aus Profitgründen werden nicht nur die Beschäftigten in Gefahr gebracht, sondern auch die Flugreisenden. Geiz ist eben in den seltensten Fällen »geil«. Zudem informierte die deutsche Pilotengewerkschaft »Cockpit«, Ryanair setze seine Piloten mit schwarzen Listen unter Druck, in denen zu großer Kerosinverbrauch mit Sanktionen belegt werde.
Dagegen ist die ebenfalls fragwürdige Praxis, nach der die Arbeitszeit des Personals nur in der Luft gezählt wird und Ausbildung, wie Berufskleidung selbst beim Unternehmen bezahlt werden müssen, geradezu harmlos. Das aktuelle Szenario zeigt jedoch, daß ein Transportsystem basierend auf Profitstreben keine Vorteile für Reisende mit sich bringt. Sei es im Flugverkehr, bei der Bahn oder im Straßentransport.
Christoph Kühnemund
Christoph Kühnemund : Freitag 17. August 2012
