Tauchend in den Krieg zur See
In Rostock fand die größte Unterwasser-Waffenmesse der Welt statt. Bundeswehr mit erweiterter Einkaufsliste
Am 24. Februar gab die deutsche Bundesmarine die Eckpunkte ihrer neuen, der »Zeitenwende« angepaßten Strategie »Zielbild Marine2035+« bekannt. Die Quintessenz des Strategiepapiers lautete: »Worauf es nun ankommt. Die Marine muß fit für die Zukunft des Seekrieges werden.« Wenige Tage später wurde der Satz umformuliert und vermeintlich entschärft. Er lautet nun: »Die Marine muß bereit für intensive Gefechte werden.« Die Begriffskosmetik war überflüssig, weiß doch ein jeder, daß das Gleiche gemeint ist.
Bundeskanzler Olaf Scholz hatte in seiner Rede auf der Bundeswehrtagung vom 16. September 2022 den Tagesbefehl an die Bundesmarine ausgegeben, fortan verstärkt Präsenz im Nordatlantik, der Ostsee und im östlichen Mittelmeer zu zeigen. »Marine 2035+« nimmt diese Losung auf und liefert eine von den Stäben der Seestreitkräfte detaillierte Bestellliste für neue Waffensysteme gleich mit. Bisherige Bedarfsplanungen wirft das Strategiekonzept dabei über den Haufen. Akkurat nach Rubriken »Seekrieg Überwasser« und »Seekrieg Unterwasser« aufgeschlüsselt und mit dem Zusatz versehen, die Liste orientiere sich »an den Forderungen der NATO« und »an absehbaren nationalen Aufgaben«, fällt insbesondere der prognostizierte Mehrbedarf im Bereich der »unmanned underwater vehicles« (UUV – unbemannte Unterwasserfahrzeuge) ins Auge.
In den Worten der Marinestrategen: »Unterwasser-Seekrieg: Die Teildimension Unterwasser gewinnt rasant an Bedeutung.« Gemeint sind Torpedo, Minen oder Sprengbomben tragende Fahrzeuge, die, von Schiffen oder U-Booten abgesetzt, ferngelenkt in ihr Ziel steuern – kurz: Unterwasserdrohnen.
Für die Auftragsbücher der Unterwasser-Rüstungsindustrie kommt die Nachfrage der Marine gerade zur rechten Zeit. Vom 9. bis 11. Mai öffnete die weltgrößte Messe für Unterwasser-Militärbedarf »UDT Undersea Defence Technology 2023« in Rostock ihre Pforten. Hier bleiben die 70 Aussteller und etwa 1.500 erwartete Interessenten aus Rüstung, Militär und Politik unter sich, wofür Eintrittspreise um 1.500 Euro und die erforderliche Datenüberprüfung bei der Registrierung sorgen.
Einer der größten Aussteller ist ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS). ThyssenKrupp (Jahresumsatz 41,1 Milliarden Euro) ist auf dem Sektor militärischer Unterwasserfahrzeug das, was Rheinmetall für Artillerie ist. TKMS stellt in Rostock den Prototyp seiner jüngsten Neuentwicklung vor: die 25 Meter lange »MUM-Unterwasserdrohne«. In der bewaffneten Version »Hunterkiller« soll sie das neue Flaggschiff der unbemannten U-Boot-Waffe werden.
Schirmherrin der Waffenmesse war in diesem Jahr die britische »Clarion Defence & Security«, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Rüstungsindustrie und Militärs zu »vernetzen«. Clarion gehört zum Firmenportfolio des weltgrößten Hedgefonds-Managers Blackrock. Blackrock hält Anteile an allen deutschen DAX-Unternehmen und natürlich auch an ThyssenKrupp, so schließt sich der Kreis.
Für das militärpolitische Rahmenprogramm sorgten an allen drei Messetagen eng getaktete Impulsvorträge, die sich mit dem Einsatz von UUV im Seekrieg auseinandersetzen. Konteradmiral Axel Deertz, der bis März 2022 die »Abteilung 23« (Militär und Sicherheit) im Bundeskanzleramt leitete und seither als Chef des Marinekommandos fungiert, hatte zum Konferenzbeginn den Aktionsrahmen der Bundesmarine weit gesteckt. Die Durchsetzung der maritimen Interessen Deutschlands reiche weit über die Hoheitsgewässer der Bundesrepublik hinaus – auch unter Wasser.
Vor den Toren der Messehallen organisierte die lokale Initiative »UDT entwaffnen« ein Protestcamp gegen die militaristische Unterwassershow. Das Verwaltungsgericht Schwerin hatte am 4. Mai durch Beschluß mehrere Auflagen der Stadt Rostock außer Kraft gesetzt. Das Camp beschert Militärs und Rüstungsenthusiasten somit wenigstens etwas unruhiges Fahrwasser.